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Tagebuch

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Das Jahr 1959 aus studentischer Sicht - Teil I
Christian Müller

Von 1954 bis 1957 studierte ich an der ABF (Arbeiter- und Bauernfakultät, sinngemäß nachgeholte Oberschule - heute Gymnasium - für die jungen Leute, die aus irgendwelchen Gründen, in meinem Falle wegen zu geringem Einkommen der Eltern, diese Schule nicht besuchen konnten).

© privat; Der Autor 1958 im Studium
© privat; Der Autor 1958 im Studium
Anschließend studierte ich an der - damals noch - TH Dresden - anfangs an der Fakultät für Luftfahrtwesen und nach der Auflösung 1961 die letzten drei Semester bis Ende 1962 Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinenkonstruktion. Mit 17 Jahren (Anfang 1953) begann ich eine Art Tagebuch zu führen, was ich bis heute durchgehalten habe. Der Hinweis in KONTAKT 4/98, daß "den Lesern Raum gegeben werden soll,auch Erzählungen aus der früheren Studienzeit zu veröffentlichen" war für mich Anlaß, im Büchlein von 1959 nachzuschauen, was mir vor 40 Jahren neben den rein studienmäßigen Dingen - die inzwischen von der Entwicklung längst überholt sind - an anderen Dingen aufschreibenswert erschien.

Da haben wir die Notiz "Gastvorlesung von Pater Tondi über die ökonomischen Hintergründe der Politik des Vatikans". Wer war Pater Tondi? Ein ehemaliger Angehöriger des Vatikans, der in den Ostblockländern ausgesandt worden war, um den Marxismus zu studieren, um ihn dann besser widerlegen zu können. Irgendwie war er dabei aber zu der Erkenntnis gelangt, daß der Marxismus richtig sei und hatte sich vom Katholizismus abgewandt. Seine Vorlesung im Großen Hörsaal am Zelleschen Weg war eine kleine Sensation. Es brauchte niemand geworben werden, der Hörsaal war auch so brechend voll, und die Letzten bekamen keinen Einlaß mehr. Was mag aus ihm geworden sein, wenn er den Zerfall des Ostblocks noch miterlebt hat? Nochmals gewendet?

Dann lesen wir "Konterrevolutionäre Gruppe an der TH entlarvt", allerdings ohne jeden weiteren Hinweis. Was mag es damit auf sich gehabt haben? Wie wir heute wissen und wie mir selbst im letzten Jahr der DDR widerfuhr, wurde manches, was eigentlich nur das Einfordern von verfassungsgemäßer Demokratie war, manchmal sogar der Stabilisierung der DDR dienen sollte, bereits als "konterrevolutionär" gebrandmarkt, wenn es der gerade gültigen offiziellen Linie nicht richtig entsprach.

Einige Male steht etwas geschrieben über Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen, die ich hatte, weil ich in Dresden nicht polizeilich gemeldet war. Wie ist das zu verstehen? Meine Mutter und ich, wir hatten in meiner Heimatstadt Großröhrsdorf eine für die damaligen Verhältnisse moderne, geräumige (70 Quadratmeter) und preiswerte (27 Mark Miete) 3-Zimmer-Wohnung, die ich gerne bis zum Studienabschluß und einer abzusehenden Verehelichung halten wollte. Es war nach Vaters Tod für zwei Personen schon schwer genug, dem ständigen Drängen des Wohnungsamtes nach Umzug in eine kleinere Wohnung zu widerstehen - für eine Person wäre es aber nicht mehr möglich gewesen. Irgendwie habe ich es geschafft, ohne vom Einwohnermeldeamt oder von der TH wegen Ordnungswidrigkeiten belangt zu werden. Ein zweites Disziplinarverfahren wollte ich mir auch nicht mehr leisten, hatte ich doch eines - mehr oder weniger politisch motiviert - an der ABF schon hinter mir. Heutzutage braucht man einer Wohnung wegen nicht mehr solche "Klimmzüge" zu machen, muß aber viel mehr in die Tasche greifen. So ändern sich die Zeiten.

Da gibt es noch eine Sache, die ein Disziplinarverfahren hätte nach sich ziehen können - ungemeldete Arbeit in den Semesterferien. Solche Arbeit war zwar nicht verboten, mußte aber gemeldet werden und wäre mit dem Stipendium verrechnet wurden. Wer wollte aber auf einen Teil des zusätzlich erwirtschafteten Einkommens verzichten? Arbeitete man bei einem Handwerker, kam man ggf. klar, daß keine Eintragung im SV-Ausweis vorgenommen wurde, in einem Betrieb ging das aber nicht. Dieser SV-Ausweis mußte auch jährlich oder so in der TH vorgelegt werden, und der Schwindel wäre herausgekommen. Im Frühjahr 1959 war so ein Zeitpunkt herangekommen, und ich hatte einen guten Tausender "schwarzes" Geld im SV-Ausweis stehen, wollte ich mir doch ein Motorrad leisten. Was tun? Mit viel Mühe überzeugte ich den Betrieb, in dem ich zuletzt gearbeitet hatte und der zugleich mein Delegierungsbetrieb zum Studium war, mir einen neuen SV-Ausweis auszustellen, in dem nur noch die letzten Wochen meiner Semesterferienarbeit mit einem kleinen Betrag auftraten, der unter der Geringfügigkeitsgrenze lag. Gerettet! Ich hoffe, daß inzwischen auch die Verjährung dieses Schwindels eingetreten ist.

Dann gibt es noch Notizen über Aktivitäten in der GST (Gesellschaft für Sport und Technik), wo damals wohl fast alle Studenten Mitglied waren. Entweder der vormilitärische Charakter war damals noch nicht so deutlich sichtbar oder wir empfanden es nicht so, jedenfalls wurden Sportarten wie Kleinkaliber-Schießen, Segelfliegen, Motorrad-Geländefahrten u. ä. mit Begeisterung betrieben. Daß auch Exerzieren und Marschieren dazu gehörten - nun ja, das ertrug man. Ein besonderes Ereignis war dabei eine Nachtübung, verbunden mit einem Geländespiel. 19.30 Uhr Appell auf dem TH-Gelände, dann Lagerfeuer (heutzutage würde wohl das Ordnungsamt einschreiten), gegen Mitternacht Verpflegung, dann Abmarsch quer durch die Stadt nach Hellerau (gut 10 km, wer würde das heute noch tun?), wobei wir auch noch kräftig in den menschenleeren Straßen sangen, Eingraben im Hellergelände und Geländespiel (Blaues Armbändchen gegen rotes, es galt, dem Gegner das Bändchen abzureißen), das bei mir mit "schöne Keilerei" vermerkt ist. Fazit: Wir hatten Spaß an Dingen, die heute - es sei dahingestellt, ob zu recht oder zu unrecht - oftmals ein bißchen verteufelt werden.

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