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Jura – eine Liebe auf den zweiten Blick
Dagmar Möbius

„Sie sind aber groß“, bewunderte ein prominenter Sänger die blonde Mittdreißigerin. Für Dagmar Windisch keine ungewohnte Reaktion. Mit 1,87 Meter überragt sie so manchen Zeitgenossen.

© privat; Rechtsanwältin Dagmar Windisch im Gericht Berlin-Neukölln
© privat; Rechtsanwältin Dagmar Windisch im Gericht Berlin-Neukölln
„In meinem Metier und als Frau ist das kein Nachteil“, schmunzelt sie. Aber eine Künstlergarderobe ist nicht ihr alltägliches Territorium. Als Rechtsanwältin punktet sie normalerweise im Gerichtssaal mit Sinn für Gerechtigkeit. Doch sie gibt auch juristischen Beistand wie im Frühjahr 2010 in Dresden, als sie dafür sorgte, dass Spendengelder einer Benefizgala den richtigen Empfänger erreichen.

Als die gebürtige Chemnitzerin 1995 von der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze zum Studium der Rechtswissenschaften an der TU Dresden zugelassen wurde, wusste sie kaum, was sie erwarten würde: „Das Interesse war da, die Überzeugung noch nicht.“ Die Fakultät Rechtswissenschaften war erst vier Jahre zuvor gegründet worden. „Die Professoren kamen ausschließlich aus den alten Bundesländern“, erinnert sich Dagmar Windisch. Im damals zweitstärksten Studiengang der TU Dresden mit etwa 500 zugelassenen Jura-Studenten wurden strenge Leistungsmaßstäbe gesetzt, vor allem in den ersten Semestern. Einige Kommilitonen quittierten ihr Studium. „Ich musste mich mit Jura erst anfreunden, die große Begeisterung für das Fach blieb anfangs aus und stellte sich erst nach und nach mit dem Erlernen des juristischen Handwerkszeugs ein“, sagt sie. Damit meint sie den Umgang mit Vorschriften, bei dem sie sich anfangs gefühlt habe „wie die Kuh vor’m Dorf“, weil sie vieles nicht verstand. Sind die Mordmerkmale erfüllt? Habgier oder niederer Beweggrund – was ist das Motiv? Bei Aufgaben wie diesen war Dagmar Windisch verwundert, dass die Studenten „gleich mit so was anfangen sollten“. Im Juristen-Deutsch heißt das: „einen Lebenssachverhalt unter eine Norm zu subsumieren“.

Überlegte sie nach dem ersten Semester noch, ob sie das Studienfach aufgeben und zur Psychologie wechseln sollte, stellte sich der Spaß an der Juristerei doch noch ein. Ein klassisches Schlüsselerlebnis habe es nicht gegeben. „Ich kam auf einmal mit den Normen klar und erkannte, wie wichtig es ist zu wissen, wo etwas steht“, erklärt sie. Die Bestätigung waren bestandene Hausarbeiten und Klausuren. „Wenn man so will, war Jura für mich eine Liebe auf den zweiten Blick.“ Nachhaltig beeinflusst fühlt sie sich von ihren ehemaligen Professoren für Strafrecht Dr. Knut Amelung und Dr. Otto Lagodny. Auch einen Studienaufenthalt 1998 in Brüssel zum Thema „Wege in eine gemeinsame Zukunft – Deutschland und die Europäische Union“ verdankt sie deren Anregung.

Das erste Staatsexamen bestand Dagmar Windisch an der TU Dresden. „Die Nichtbestehensquote war hoch“, blickt sie zurück, „Aus Angst, das Staatsexamen nicht zu bestehen, schlossen einige Studenten ihr Studium sogar in einem anderen Bundesland ab.“ Der damalige Leistungsdruck sei jedoch auch heute bestimmend für die Anforderungen, die an die eigene Tätigkeit und an die Qualität der täglichen Arbeit gestellt werden. Das komme letztlich dem Mandanten zugute. Die 33-Jährige ist dankbar für den hohen wissenschaftlichen Anspruch der TU Dresden gegenüber ihren Studenten. „Unser Rechtsstaat benötigt gut ausgebildete und fähige Juristen – vor allem in der Justiz“, betont sie.

Im Juni 2002, sofort nach Ende ihres Studiums, ging sie direkt in die Praxis und absolvierte ihr Referendariat am Land- und Verwaltungsgericht Dresden sowie in den Rechtsanwaltskanzleien Munz, Hille & Beden, Holzhauser & Partner und Derra, Meyer & Partner. „Plötzlich dachte man nicht mehr nur objektiv und diskutierte Meinungsstreits, sondern nahm die Rechte des Einzelnen im Rahmen des erteilten Mandats wahr. Das hatte man an der Uni in der Ausbildung zum sogenannten Volljuristen mit der Befähigung zum Richteramt nicht gelernt.“ Ein Fach „Mandantenbetreuung“ gab und gibt es nicht. Von einem solchen Praxisbezug würden viele Studenten der Rechtswissenschaften profitieren, ist sie sicher. Auch einen Austausch mit jüngeren Studien-Generationen würde sie begrüßen. „Kontakt zur TU Dresden, insbesondere zur Juristischen Fakultät, besteht momentan leider nicht“, bedauert sie.

Nach dem Zweiten Juristischen Staatsexamen in Dresden 2004 folgte die Tätigkeit als Rechtsassessorin in der Rechtsanwaltskanzlei Hollstein & Roersch. Nach der Zulassung als Rechtsanwältin bei der Rechtsanwaltskammer Sachsen arbeitete Dagmar Windisch selbstständig. In ihrer eigenständig geführten Kanzlei mit Sitz bei der Deutschen Vermögensberatung kristallisierten sich die Tätigkeitsschwerpunkte Bau- und Architektenrecht, Mietrecht, Wohnungseigentumsrecht, Vertrags- und Kaufrecht sowie Familienrecht heraus. Ehrenamtlich war sie einige Zeit am Projekt „IMARA – Wege aus der Gewalt“ beteiligt – einer Initiative des Hechthaus e. V. Dresden, das Gewaltopfer im familiären Bereich unterstützte.

Vor zwei Jahren zog es Dagmar Windisch beruflich nach Berlin. Dort war sie zunächst für ein Unternehmen eines dänischen Immobilieninvestors mit einem Wohnungs- und Gewerbebestand von etwa 16.000 Einheiten in Berlin und Nordrhein-Westfalen tätig. Bauverträge standardisieren, Fondsverträge prüfen, Forderungen managen und Miet- und Wohnungseigentumsrecht durchsetzen gehörten zu ihren Aufgaben. Im April 2009 gründete sie ihre neue Rechtsanwaltskanzlei in Berlin-Treptow. „In der Hauptstadt erlebe ich täglich eine äußerst verantwortungsbewusst arbeitende und Maßstäbe setzende Justiz“, lobt sie. Für die Rechtsprechung in Sachsen sieht sie nach ihren bisherigen Erfahrungen noch Nachholbedarf.

„Die Gerechtigkeit sitzt in einer Etage, zu der die Justiz keinen Zutritt hat“, zitiert sie aus dem verfilmten Roman „Justiz" von Friedrich Dürrenmatt. Das heißt: „Recht wird gesprochen, nicht erkannt.“ Oder auch: „Würden wir Gerechtigkeit (er-)kennen, bräuchte man weder Gerichte noch Juristen.“ Am häufigsten wird sie mit familienrechtlichen Mandaten betraut, gefolgt von Angelegenheiten zum Miet- und Wohnungseigentumsrecht. Zu ihren weiteren Schwerpunkten soll perspektivisch auch Strafrecht kommen.

Rechtsanwältin Dagmar Windisch sieht sich als Begleiterin, die mit Rechts- und Ratsuchenden unerschrocken den Weg durch das Dickicht von Vorschriften geht. Manchmal aber auch als seelischer Beistand. Oder als Mediatorin. Sie glaubt fest daran, dass die Mediation als Form der Streitbehandlung in den kommenden Jahren in Deutschland an Bedeutung gewinnen wird.