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Andrea Martin, Trauerbegleitung Dresden
Goethestr. 5b
01109 Dresden
Tel.: 0351-4060492
Mobil: 0176-20984515

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Gebrauchsprosa und Lebenshilfe
Dagmar Möbius

Andrea Martin hat zwei Diplome: für Kultur- und Literaturwissenschaft und für Sozialpädagogik. Seit vier Jahren arbeitet sie freiberuflich als Trauerrednerin. Der Gewinner des von ihr gesponserten Preises für die „TU-Tombola für Studierende" erfährt in einer persönlichen Beamer-Präsentation, warum August der Starke wirklich Kurfürst geworden ist. Dazu hat sie recherchiert und ein Buch geschrieben.

© privat; Andrea Martin
© privat; Andrea Martin
Direkt nach dem Abitur 1975 studierte Andrea Martin Kultur- und Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig. Ihre erste Diplomarbeit befasste sich mit Kunstkritik auf dem Gebiet der Unterhaltungskunst, bezogen auf die Sächsische Zeitung. „Ich glaube, die hat nie jemand gelesen", schmunzelt die gebürtige Radebeulerin. Über die Absolventenlenkung kam sie frisch diplomiert nach Dresden. „Ich hatte Glück und bekam den einzigen Platz, weil ich schon ein Kind hatte", erinnert sie sich. Von 1980 bis 1982 arbeitete sie in der Konzert- und Gastspieldirektion als Programmredakteurin für Jugendkonzerte. Das erste große Programm mit dem Pantomimen Ralf Herzog organisierte sie. Später kümmerte sie sich beim Rat des Stadtbezirkes Dresden-Süd um Bildende Künstler, Jugendclubs und die Organisation von Literaturtagen. Ab 1986 betreute sie an der TU Dresden (TUD) ausländische Promovenden. „Eine unglaublich interessante und erfüllende Arbeit", ist Andrea Martin noch heute begeistert.

Als die Abteilung nach sechs Jahren umstrukturiert und schließlich abgewickelt wurde, absolvierte sie eine berufliche Weiterbildung zur Sozialtherapeutin mit Schwerpunkt Suchthilfe. In den anderthalb Jahren stellte sie fest: „Was du hier machst, ist die Krone vom Baum, aber dir fehlt der Stamm." Deshalb wollte sie berufsbegleitend Sozialpädagogik studieren: „Nach zwei Ablehnungen an der Evangelischen Fachhochschule ging ich zur TUD und wurde 1996 angenommen." Während des Studiums arbeitete sie als Bildungsreferentin der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Chemnitz, wechselte später als Sozialberaterin zur Deutschen Bahn AG. 2000 schloss sie als Diplom-Pädagogin, Fachrichtung Sozialpädagogik, ab. Bemerkenswert: Andrea Martin war inzwischen mit ihrem vierten Kind schwanger. „Deshalb habe ich ein wenig länger gebraucht", lacht die heute 54-Jährige. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über „Betriebliche Sozialberatung bei der Deutschen Bahn AG". Kurze Zeit später wurde auch diese Abteilung geschlossen. Stellen und kurze Zeiten von Arbeitslosigkeit wechselten sich mit Fortbildungen ab. „Ich war Ende 40, als ich beschloss, keine Festanstellung mehr zu suchen", erzählt sie.

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat sie nie bereut. Andrea Martin arbeitet seit einigen Jahren als freiberufliche Trauerrednerin. „Das ist der Schnittpunkt meiner zwei Studien", sagt sie. Gespräche in besonders schwierigen Situationen, angesichts des Todes, erfordern Einfühlungsvermögen. „Meine Gesprächspartner sind meist wirklich in seelischen Nöten, sie haben oft Angst vor der Beerdigung und vor dem Leben danach." Deshalb bestehe die „Kunst" darin, schnell das Vertrauen der Angehörigen zu gewinnen, ihre individuellen Bedürfnisse, Wünsche, Vorstellungen und Vermeidungen zu verstehen und ihnen gerecht zu werden. Hier untermauerte das TUD-Studium theoretisch, was Andrea Martin in ihrer Sozialtherapie-Weiterbildung an Kenntnissen erworben hatte.

Auch ihre Liebe zu Sprache und Text nutzt der lebenslustigen Frau in ihrer heutigen Arbeit viel. „Es ist eine große Herausforderung, was ich höre, in sprechende Sprache zu verwandeln." Manchmal auch zu registrieren, was nicht gesagt wird. Für ihre Trauerreden nimmt sie sich viel Zeit. „Bei mir gibt es keine Aufträge ohne Hausbesuche." Im Radius von 60 Kilometern vom Wohnort fährt sie zu den Klienten und hört erst mal zu. Nur so erfährt sie alle Fakten, die eine authentische und würdevolle Trauerrede ausmachen. „Solche Geschichten kriegt man nicht über einen Fragebogen heraus, da muss man ein paar Stunden in der Familie verbringen, sich auch in schwierige Situationen hineinfinden", ist sie überzeugt. Manchmal hört sie Geschichten, von denen sie denkt: „Die sind so verrückt, die müssen wahr sein." Zwei komplette Tage benötigt sie, bevor eine Rede steht. „Das ist 75 Prozent Biografie-Arbeit, aber so etwas funktioniert nicht als Lückentext", erklärt sie ihren Aufwand. Die Ansprache ist dann „so wahrheitsgemäß wie möglich und wie nötig".

Nicht selten kommt es vor, dass sich jemand bei Andrea Martin für die schöne Beerdigung bedankt. Darf man das? Man darf. „Da ist auch viel Heilung dabei", sagt sie. Ihre Reden überreicht sie den Angehörigen schriftlich in einer schönen Mappe. „Ich mache Gebrauchsprosa, die hilft", beschreibt sie ihr Angebot.

Und warum stiftet sie ausgerechnet einen Beamer-Vortrag über die Liebe von Johann Georg IV. von Sachsen zu Magdalena Sybilla von Neitschütz für die Tombola? Andrea Martin lacht. Als sie vor vier Jahren in ihrer neuen Tätigkeit als Trauerrednerin noch nicht gleich Aufträge hatte, schrieb sie ein Buch. "Weil mir die Diktion einer historischen Liebesgeschichte, wie sie im Allgemeinen überliefert wird, nicht angemessen erschien, habe ich sie recherchiert und neu erzählt."

Sie forschte in der SLUB und im "Geheimen Kabinett" des Sächsischen Hauptstadtarchivs, blätterte im Hoftagebuch und hatte viele Originaldokumente in den Händen. "Ein ganz tolles Gefühl", schwärmt sie. Zwei Jahre arbeitete sie an dem im Juni 2010 erschienenen Werk. Der Titel des Buches "Magdalena Sybilla von Neitschütz: Geliebte am kursächsischen Hof" suggeriert allerdings, dass es um ihre Geschichte ginge. "Tatsächlich handelt es mehr von Johann Georg IV. von Sachsen", stellt sie klar und schmunzelt: "Nur weil er an Pocken erkrankt und gestorben ist, wurde August der Starke Kurfürst – das ist die wahre Geschichte." Die erzählt sie ab und zu vor Publikum und zeigt interessante Fotos aus der Dresdner Historie.

Das Motiv für ihren gestifteten Preis ist klar: "Ich habe selbst Kinder, die studiert haben, noch dabei sind oder es anstreben und ich kenne auch Studenten aus anderen Lebenszusammenhängen. Daher weiß ich, wie hilfreich ein Stipendium sein kann und helfe gern."