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Dr. rer. nat. Andreas Kurth
Robert Koch-Institut Berlin
Fachgebietsleiter - Hochsicherheitslabor - Zentrum für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene

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Jeden Tag ein bisschen „Outbreak“
Dagmar Möbius

Andreas Kurth lernte vor seinem Studium an der TU Dresden den Umgang mit Nachrichtentechnik. Das hilft dem promovierten Biologen heute, ein Hochsicherheitslabor aufzubauen. Doch sein Forschungsinteresse gilt lebensgefährlichen Krankheitserregern. Und Fledermäusen.

„Life‘s better in Flip Flops“ steht an der Wand seines Büros im Berliner Robert Koch-Institut. Freunde haben Andreas Kurth das Bild geschenkt. Er arbeitet am liebsten in seinen Leichttretern – natürlich nur, wenn kein offizielles Gespräch ansteht. Seit 2003 ist er im RKI angestellt, der zentralen Gesundheitseinrichtung der Bundesregierung mit über 1100 Mitarbeitern. Seit vier Jahren leitet er das Hochsicherheitslabor. „Einen Arbeitsplatz wie meinen gibt es nur selten auf der Welt“, weiß der gebürtige Dresdner. Zum Standort im Berliner Wedding radelt er fast täglich eine Stunde.

© D. Möbius; Auch administrative Tätigkeiten am Schreibtisch gehören zum Arbeitsalltag von Dr. Andreas Kurth.
© D. Möbius; Auch administrative Tätigkeiten am Schreibtisch gehören zum Arbeitsalltag von Dr. Andreas Kurth.
Schon immer hatte sich Andreas Kurth für Biologie und Chemie interessiert. Die Fächer fielen ihm leicht. Seine Schulzeit endete im Jahr der politischen Wende 1989 in der DDR. Tischler oder „etwas Technisches“ wollte er zunächst werden. Seine Berufsausbildung mit Abitur zum Facharbeiter für Nachrichtentechnik führte ihn zur Deutschen Reichsbahn nach Berlin. Bei seinem anschließenden Wehrdienst als Sanitäter begann er, sich für die Funktionen des Körpers zu interessieren und entschied sich für den 1994 an der TU Dresden neu eingerichteten Diplom-Studiengang Biologie. „Nur Medizin oder nur Tiermedizin war mir zu eingeschränkt“, begründet er. Im ersten Jahrgang genoss er mit seinen etwa 35 Kommilitonen eine sehr intensive Betreuung durch acht Professoren und mehrere Assistenten. „Die Ausbildung war überdurchschnittlich gut“, lobt er. Vor allem die erworbenen Fähigkeiten der komplexen Darstellung von biologischen Prozessen waren wichtig für ihn. Zudem: „Jeder, der es wollte, bekam einen Vertrag als wissenschaftliche Hilfskraft“, erinnert sich der heute 43-Jährige. Bei Professor Rolf Enzeroth am Institut für Spezielle Zoologie der TU Dresden untersuchte er zwischen 1995 und 1997 tierische Einzeller (Protozoen) unter dem Elektronenmikroskop. Parasiten beschäftigten den reisefreudigen Mann bereits im ersten Studienjahr, wenn in dieser Form auch ungewollt: „Bei meiner ersten Reise nach Afrika infizierte ich mich mit Lungenwürmern und musste die Erkrankung drei Monate lang auskurieren.“

Sein wissenschaftliches Interesse führte den gebürtigen Dresdner schon nach wenigen Semestern zurück in die Hauptstadt. Bei Dr. Hans Gelderblom am Robert Koch-Institut forschte er ab 1997 an Viren. Seine Diplomarbeit schrieb er über Bildgebende Verfahren. An seinen Studienabschluss im Jahr 2000 erinnert er sich als formalen Akt: „Es gab keine Feier, man holte das Zeugnis einfach ab.“
Die Zeit bis zum Beginn seines Promotionsstudiums überbrückte Andreas Kurth mit einigen Monaten als Zooschullehrer im Dresdner Zoo. Die Arbeit mit Kindern machte ihm viel Spaß. Doch ab Frühjahr 2001 konnte er mit einem DAAD-Auslands-Doktorandenstipendium einen knapp zweijährigen Forschungsaufenthalt an der Oregon State University in den USA antreten. Seine Promotion über epidemiologische Studien des Vesivirus verteidigte er im Sommer 2004 an der TU Dresden. Über die Skepsis einiger Hochschullehrer, was wohl aus ihm werden würde, schmunzelt er heute.

© D. Möbius; Blick durch die Glasscheibe: Im Hochsicherheitslabor herrscht Unterdruck. So wird verhindert, dass im Fall einer undichten Stelle Krankheitserreger ins Freie gelangen. Zudem sind mehrere Sicherheits- und Filtersysteme integriert.
© D. Möbius; Blick durch die Glasscheibe: Im Hochsicherheitslabor herrscht Unterdruck. So wird verhindert, dass im Fall einer undichten Stelle Krankheitserreger ins Freie gelangen. Zudem sind mehrere Sicherheits- und Filtersysteme integriert.
Bereits seit 2003 arbeitet und forscht Dr. Andreas Kurth am Berliner Robert Koch-Institut (RKI), unter anderem zu verschiedenen Aspekten von Pockeninfektionen. Hier baut er seit vier Jahren das Hochsicherheitslabor auf. Im einzigen bundesdeutschen Labor der höchsten Schutzstufe im humanmedizinischen Bereich werden künftig Erreger der Risikogruppe 4 diagnostiziert und erforscht. Das sind hochpathogene Viren wie Ebola, Lassa oder Nipah. 30 bis 80 Prozent der Erkrankten sterben nach einer Infektion, weil es noch keine Behandlungsmöglichkeiten gibt. Im Lauf des Jahres 2017 soll der vierstöckige Labortrakt bauseitig übergeben werden. Der Probebetrieb wird danach in Vollschutzanzügen stattfinden. Bis zu fünf Stunden können die Wissenschaftler in der Montur arbeiten.

Einen typischen Arbeitsalltag hat der Biologe nicht, seitdem er für die Leitung des S4-Labors seine wissenschaftliche Karriere unterbrach. Seit der Rohbauphase tauscht er sich regelmäßig mit Planern und Bauleuten aus. „Dieses Labor ist ein Prototyp“, sagt er. „Es gibt keine Firma, die das exakt so schon mal gebaut hat. Vieles muss mit uns Nutzern abgesprochen werden.“ Zwar kommt ihm seine Berufsausbildung heute für das technische Verständnis zugute, doch dass für so ein Bauvorhaben rund 140 gesetzliche Vorschriften vom Arbeits- und Brandschutz über Gentechnik und Infektionsschutz bis Tierschutz beachtet werden müssen, war ihm vorher nicht bewusst. So spielt auch Gremienarbeit eine wichtige Rolle für ihn. „Ich will Einfluss nehmen, damit Überreaktionen bei zum Teil sehr alten Sicherheitsvorschriften die praktische Laborarbeit nicht noch schwieriger machen, dass wir noch arbeiten können.“ Zudem gehört der Virenexperte zu einem Inspektionsteam der Weltgesundheitsorganisation, das regelmäßig die Arbeit zweier mit Menschenpocken arbeitenden Labore in Russland und den USA kontrolliert.

Aus seinem anfänglichen Ein-Mann-Betrieb hat er mittlerweile eine zwölfköpfige Gruppe mit Experten aus vier Ländern gebildet, darunter vier Wissenschaftler, ein Biosicherheitsbeauftragter, vier technische Angestellte und zwei Tierpfleger. „Personal für solche Aufgaben zu finden, ist nicht einfach“, erklärt Kurth. Infrage kommen „nur Menschen, die das wollen und können.“ Perspektivisch werden auch Gastwissenschaftler in seiner Arbeitsgruppe forschen. Bis es soweit ist, werden wissenschaftliche Vorüberlegungen getroffen. Die Vielfältigkeit seiner momentanen Arbeit inklusive administrativer Arbeiten gefällt ihm. Doch er denkt schon an seine weitere konkrete Forschung. Die Übertragungsmechanismen vom Tier auf den Menschen interessieren ihn nachhaltig. Grundlegendes für eine Therapie für das seit über 40 Jahren bekannte Ebola-Virus zu finden, treibt ihn an.

© Dr. A. Kurth; Beim Ebola-Feldeinsatz in Sierra Leone 2015.
© Dr. A. Kurth; Beim Ebola-Feldeinsatz in Sierra Leone 2015.
Zu Beginn der Ebola-Epidemie 2014 und ein Jahr später weilte er für mehrere Wochen in Guinea und in Sierra Leone. Bei dem Gelbfieberausbruch Mitte 2016 baute und betreute er mit Kollegen ein Labor im Kongo – Einsätze, die vom Europäischen Mobilen Labor koordiniert wurden. „Im zivilen Sektor sind solche Aufenthalte freiwillig, für mich sind sie selbstverständlich“, sagt Kurth. In Westafrika hat er vor zwei Jahren begonnen, eine Fledermaushaltung aufzubauen. Die Tiere sollen später in Deutschland untersucht werden. „Es gibt Hinweise aus der Feldforschung, dass bestimmte Arten insektenfressender Fledermäuse Ebola übertragen könnten. Wir wollen herausfinden, wo die Viren zirkulieren, Anhaltspunkte ausnutzen und Vorgänge experimentell im Labor nachstellen“, blickt er voraus. Er weiß schon jetzt: „Der Beweis wird schwierig zu führen sein.“ Er sucht „den Anfang der Geschichte“ und weiß: „Mit jedem Ergebnis stellen sich 100 neue Fragen.“ Erste Resultate erwartet er frühestens in zwei Jahren.

Vergleiche zum 1995 veröffentlichten US-Film „Outbreak – Lautlose Killer“ mit Dustin Hoffmann drängen sich auf. Das dort gezeigte Geschehen um ein neuartiges, zunächst in Afrika aufgetretenes, Virus, weckt Assoziationen zu Ebola. Was hält der Wissenschaftler davon? Er lacht und sagt: „Für damalige Verhältnisse und Hollywood okay.“ Weil Erreger als Biowaffen entwickelt wurden, war (im Film) die Armee involviert. Das Militär hat die logistischen Ressourcen und kann Soldaten in gefährliche Gebiete abordnen. „Der kleine Affe wäre aber nicht so herumgesprungen. Ebola tötet Affen“, stellt er klar. Jedoch: „Es gab auch ein für Menschen ungefährliches Ebola-Virus in Afrika, das über Affentransporte aus den Philippinen in die USA gebracht wurde.

Mit bioterroristischen Erregern hat sich Dr. Andreas Kurth am RKI auch schon auseinandergesetzt. Das berüchtigte „Pulver in Briefen“ wird hier zum „Ausschluss eines Verdachts“ untersucht. Jedes Mal sind zahlreiche Arbeitsgruppen beteiligt. Ein gefährlicher Erreger wurde glücklicherweise in den verdächtigen Substanzen noch nie nachgewiesen.

Die Kleine Hufeisennase, Dresdnern spätestens seit dem Bau der Waldschlösschen-Brücke ein Begriff, weil die Minifledermaus aus Naturschutzgründen für Aufregung und Verzögerungen sorgte, hat Andreas Kurth auch schon untersucht. Korrekterweise: Proben von ihr. Und? „Da findet man einiges“, sagt er und meint spezifische biologische Fragestellungen.