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Tänzer, Leutnant, Konstrukteur, Chef
Heiko Weckbrodt

Bis heute profitiert Xenon-Miteigentümer Hartmut Freitag von seinem Ingenieur-Studium an der TU Dresden – und das Unternehmen schöpft aus dem Nachwuchs-Quell der Uni

© H. Weckbrodt; Dr. Hartmut Freitag
© H. Weckbrodt; Dr. Hartmut Freitag
Fragt man in Dresden nach wirtschaftlichen Erfolgs-Stories jenseits der großen Konzernansiedlungen der Nachwende-Zeit, fällt ein Name immer wieder: „Xenon“. 1990 von den ehemaligen Robotron-Ingenieuren Dr. Eberhard Reißmann und Dr. Hartmut Freitag gegründet, gehört das Sondermaschinenbau-Unternehmen heute zu den Top-Adressen für Fabrik-Automatisierung. Was als kleine Kellerfirma begann, ist inzwischen ein mittelständisches Unternehmen mit 55 Millionen Euro Jahresumsatz und rund 300 Mitarbeitern in Deutschland, China und Mexiko. Und wenn Hartmut Freitag heute gemeinsam mit seinem Kompagnon und Gründersohn Tobias Reißmann durch die Montagehallen und Konstrukteur-Büros geht, hat er gelegentlich einen Gedanken im Hinterkopf: Einen Teil dieses Erfolges verdankt das Unternehmen der TU Dresden. „Die Ingenieurausbildung dort war und ist für mich extrem nützlich“, sagt er.

Dass Freitag erst an der renommierten Dresdner Uni und Jahre später im Chefsessel eines international agierenden Automatisierungs-Betriebes landete, hat auch mit einem in der DDR beliebten Bücher-Genre zu tun. 1957 als Sohn einer Lehrerfamilie geboren und im beschaulichen Teich-Städtchen Peitz nahe Cottbus aufgewachsen, begeisterte er sich beizeiten für Technik und Wissenschaften. „Ich habe die utopische Literatur nur so verschlungen“, erzählt er. „Das Visionäre hat mich begeistert.“ Seine erste Feuerprobe nach dem Abi als Techniker und Chef hatte der damals 19-Jährige als „Unterleutnant Freitag“ in einer Pioniereinheit der NVA-Panzertruppen. „Als Offizier auf Zeit lernt man, als Jüngerer ein Team mit Älteren zu führen.“


Studieren beim Feingeräte-Papst
1978 wieder ins Zivilleben entlassen, begann Freitag zu studieren: Feingerätetechnik bei Professor Werner Krause in der Sektion 10 an der TU Dresden. „Krause war eine Art Papst der Feingerätetechnik. Er hatte Standardwerke geschrieben, die auch im Westen gelesen wurden.“ Das Studium war anspruchsvoll, zeitfressend und breitgefächert: Mechanik, Messtechnik, Regelungstechnik, Schaltungen, Fertigungsprozesse in der Halbleiter-Industrie ... Da blieb neben Pauken, Belegen und Praktikum nicht viel Freizeit. „Gewohnt habe ich in einem Studenten-Wohnheim an der Nöthnitzer Straße. Das Gute war: Wir konnten in Hausschuhen die paar Schritte rüber in den Hörsaal schlurfen. Allerdings war ich anfangs in einem Sechs-Mann-Zimmer – die Lebens- und Studienbedingungen waren ‚nicht nur manchmal’ schwierig.“

© privat; Abschlussfahrt 1983 der SG 78/10/07; Hartmut Freitag ist 2. v.l. mit den Skiern in der Hand
© privat; Abschlussfahrt 1983 der SG 78/10/07; Hartmut Freitag ist 2. v.l. mit den Skiern in der Hand

Und doch blieb etwas Zeit für Dinge, die man damals gerne als „gesellschaftliches Engagement“ abrechnete. Für Tanz zum Beispiel: „Ich wurde Gruppenleiter im studentischen Folklore-Tanzensemble“, erzählt der Ingenieur. „Wir haben Volkstänze im Dresdner Kulturpalast, gelegentlich auch bei Gastspielen in der Sowjetunion, in Polen und Bulgarien aufgeführt und dafür einige Preise gewonnen. Seitdem ist es mir nie schwer gefallen, vor Hunderten Menschen einen Vortrag zu halten“ Freitag schwelgt ein paar Sekunden stumm in Erinnerungen. „Die Pfälzer – ein Tanz mit Weingläsern auf dem Kopf und akrobatischen Einlagen habe ich sehr gemocht“, entsinnt er sich. „Mein Lieblingstanz war aber der ‚Auerhahn‘ – ein bayrischer Tanz mit Plattlereinlagen.“

Der Auerhahn war es wohl auch, der die letzten Hürden zum Doktor-Titel aus dem Weg räumte. „Die TU galt damals ja als ziemlich ‚rot‘›,  wir wurden ständig auf Parteilinie gedrängt“, erklärt Freitag die Hintergründe. „Diese politische Agitation ist mir ziemlich auf den Zünder gegangen.“ Als die Sektion dem Zweitbesten der Seminargruppe, der partout nicht in die SED eintreten wollte, ein Anschluss-Stipendium nach dem Diplom verweigerte, riss dem jungen Ingenieur der Geduldsfaden. „Ich habe mich beim Professor beschwert und auf mein gesellschaftliches Engagement in der Tanzgruppe verwiesen.“ Das half: Freitag wurde doch noch Forschungsstudent, wie man damals die Doktoranden-Stellen nannte, und promovierte über „Zustandsreglungen elastischer Gleichstromantriebe“.

Aufbruch ins Digitalzeitalter
Das klingt sehr speziell, war aber bereits ein Morgenstreif des nahenden Digitalzeitalters. „Mit analogen Ansätzen waren diese Reglungsalgorithmen nicht beherrschbar“, skizziert Freitag das damalige Problem. „Erst Digitaltechnik machte das möglich, deshalb hatte ich mir das Thema auch herausgesucht und auf einem ‚K 1520‘, einem der ersten DDR-Mikrorechner mit U880 Prozessor umgesetzt“.

© privat; Verleihung des Doktor-Hutes 1986 durch die Kollegen der damaligen Sektion 10, TU Dresden
© privat; Verleihung des Doktor-Hutes 1986 durch die Kollegen der damaligen Sektion 10, TU Dresden
Der frischgebackene Doktoringenieur startete seine Karriere 1986 im DDR-Computerkombinat Robotron in Dresden, bei „Meßelektronik“ in der Abteilung für Rationalisierungsmittelbau. Die wurde von Dr. Eberhard Reißmann geleitet – und der verstand es, seine Leute mitzureißen. „Er hat mich als Mensch begeistert“, erzählt Freitag. „Er hatte Visionen und eine Aura als Leiter. Er hat sich die interessantesten Aufgaben herausgepickt und sie trotz der Widrigkeiten der DDR-Wirtschaft zum Erfolg geführt.“ Das erste Projekt, an dem der junge Ingenieur tüftelte, war ein Kabelkonfektionier-Automat. Der sollte universeller einsetzbar sein als die entsprechenden Westgeräte, die man sich sowieso nicht leisten konnte. „Unsere Konstruktion war genial“, findet Freitag immer noch. „Leider war der Automat in der Praxis unzuverlässig, weil die in der DDR verfügbare Pneumatik ständig kaputt gegangen ist.“ Aber aus Fehlern lernt man. Das zweite Projekt, an dem Freitag saß, war ein Montageautomat für elektrische Kontaktstifte. Und der führte bereits zu einer Patentanmeldung. Weitere Konstruktionen für die ostdeutsche Computer- und Messtechnikproduktion folgten.

Wir fühlten uns wie das A-Team
Dann kam das Jahr 1989. Die DDR-Welt stellte sich vom Kopf auf die Füße. Bald wollte keiner mehr ostdeutsche Computer oder Messtechnik kaufen. Die Treuhand begann, Robotron „abzuwickeln.“ Plötzlich war „Management-Buy-Out“ (MBO) in aller Munde: Überall im Lande trommelten leitende Mitarbeiter ihre besten Leute zusammen und gründeten kleine Firmen aus den untergehenden Kombinaten aus, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Noch vor der Währungsunion und Wiedervereinigung fragte Reißmann seinen Ingenieur, ob er bei solch einem MBO mitmachen wolle. Da war Freitag gerade 33 Jahre alt, steckte mitten im Hausbau. Dennoch zögerte er nicht eine Sekunde, stieg als Mitgesellschafter und Chefkonstrukteur ein. „Ich war überzeugt, dass wir so was wie das A-Team aus dem Fernsehen sind“, erinnert er sich. „Elf hervorragende Ingenieure und Facharbeiter, die einfach alles können.“ Im Juni 1990 entstand „Xenon“ als Sonderanlagen-Konstruktionsunternehmen in einem Keller an der Fetscherstraße. „Einer unser ersten größeren Aufträge war ein Automat für die Minidisc-Produktion. Den mussten wir in einer Feuerwehr-Garage montieren, weil im Keller nicht genug Platz war.“

1993 war die Firma bereits so gewachsen, dass Xenon in ein eigenes Hauptquartier an der Heidelberger Straße umziehen konnte und musste – als eine der ersten Ansiedlungen im neuen Gewerbegebiet Coschütz-Gittersee. Seitdem ist Xenon stark gewachsen, hat über 1500 Maschinen konstruiert und weltweit ausgeliefert.

Was das Unternehmen so stark gemacht hat, ist nicht zuletzt der kreative Ingenieurgeist, der die Belegschaft von der Montagehalle bis in die Chefetage beseelt. „Letztens hatten wir Chinesen zu Besuch, die waren ganz erstaunt, wieviel Technikkompetenz hier bis in die Geschäftsleitung hinein konzentriert ist“, erzählt Freitag. Diese Kompetenz speise sich aus Erfahrung - und der Top-Ausbildung an der TU Dresden. „Das einzige, was wir zu DDR-Zeiten an der Uni nicht so richtig gelernt haben, war das Ökonomische: Wie verdiene ich Geld mit meinen Ideen? Wie finde ich Kunden und behalte ich sie? Das mussten wir erst lernen“, schätzt Freitag ein. Die gute fachliche Ausbildung spreche nach wie vor für sich. Bis heute kooperiere Xenon eng mit der TUD und der HTW. So betreut der Betrieb beispielsweise Diplomanden, um gute Leute für das Unternehmen auszusieben. „So generieren wir unseren Ingenieurnachwuchs.“