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Einsatz für mehr Bildungsgerechtigkeit – jetzt auch in Sachsen
Claudia Kallmeier

Deutschland braucht mehr Bildungsgerechtigkeit, denn besonders in sozialen Brennpunkten haben Schüler oft schlechtere Chancen auf gute Abschlüsse. Seit zehn Jahren ist die gemeinnützige Organisation „Teach first“ aktiv, um Kinder und Jugendliche in den Schulen zu unterstützen. TUD-Absolventin Teresa Wilmes war als Teach-First-Fellow an einer Brennpunktschule. Jetzt gibt es auch in Sachsen ein Regionalbüro.

© Foto: Teach First Dtl.; Junge Menschen, die in der Gesellschaft etwas bewirken und Kindern eine Chance geben wollen, können sich bei Teach First Dtl. bewerben.
© Foto: Teach First Dtl.; Junge Menschen, die in der Gesellschaft etwas bewirken und Kindern eine Chance geben wollen, können sich bei Teach First Dtl. bewerben.
Das Konzept ist einfach: Hochschulabsolventen gehen als sogenannte Fellows für zwei Jahre an eine Schule. Durch gezielte Unterstützung im Unterricht und darüber hinaus sollen sie Schülern dabei helfen, Barrieren im Bildungssystem zu überwinden und Nachteile, die sie aufgrund ihrer sozialen Herkunft haben, auszugleichen. Eigentlich müsste sich die Politik darum kümmern. „Stimmt“, sagt Teresa Wilmes, „aber da passiert zu wenig“. Die Absolventin der TU Dresden war bis zum vergangenen Sommer als Teach-First-Fellow im Einsatz. Nach ihrem Bachelor in Internationalen Beziehungen wollte sie nicht direkt im Master weiterstudieren, sondern erst einmal praktisch arbeiten. Von Teach First erfuhr sie zufällig von einer Freundin. „Ich habe im Studium gemerkt, welche Privilegien ich habe und wie viele Faktoren dabei außerhalb von mir selbst liegen“‚ erzählt die 27-Jährige. „Teach First gefiel mir, weil es die Chance bietet, ins System Schule zu schauen, ohne selbst wirklich im System zu stecken.“

Teresa Wilmes stammt aus Duisburg. Dass ihr Fellow-Einsatz sie nach dem Studium in Dresden dorthin zurückführte, war nicht geplant, aber willkommen. Das Gymnasium, an dem sie arbeitete, liegt im Stadtteil Marxloh – nicht weit von dem Viertel, in dem sie aufgewachsen ist, aber doch eine völlig andere Welt. Marxloh ist das, was man ein Problemviertel nennt. Manche sprechen sogar von einer „No-Go-Area“. Die Kriminalität ist hoch, mehr als jeder zweite Bewohner hat keinen deutschen Pass. Am Gymnasium haben rund 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund.

Internationale Vorbereitungsklassen sollen den Einstieg für die Kinder und Jugendlichen erleichtern, die gerade erst in Deutschland angekommen sind. Hier war Teresa Wilmes hauptsächlich im Einsatz. „Es geht vor allem um den Spracherwerb. Die Schülerinnen und Schüler sollen so gut Deutsch lernen, dass sie in eine Regelklasse wechseln können.“

© privat; Teresa Wilmes
© privat; Teresa Wilmes
Das Konzept hat auch seine Schwächen, wie sie schnell festgestellt hat. „Die Trennung von den Regelklassen verhindert eigentlich die Integration und nimmt den Kindern und Jugendlichen viele Zukunftsperspektiven“, ist sie überzeugt. „So werden Bildungschancen verbaut, sodass sich letztlich Vorurteile bestätigen.“ Hinzu kommt, dass es für die Internationalen Klassen keine Lehrpläne gibt, außerdem mussten die Lehrkräfte mit sehr unterschiedlichen Lernniveaus innerhalb einer Gruppe umgehen. Trotz aller Herausforderungen: Die zwei Jahre mit Teach First will Teresa Wilmes nicht missen. „Ich bin persönlich sehr gewachsen“, sagt sie. „Ich musste erst lernen, die Geschichten in der Schule zu lassen. Aber ich weiß, dass ich im Kleinen vieles bewegen konnte, für die Kinder da war und sie unterstützt habe.“ Die Schulleitung sei offen für neue Ideen gewesen, sodass sie viel ausprobieren und auch Fehler machen durfte. „Ich habe viel verstanden, z.B. wie sehr Probleme strukturell bedingt sind. Und ich habe auch gelernt, andere Wege zu gehen und Verbündete zu suchen.“ Dass Bildungsgerechtigkeit ihr großes Thema ist, weiß Teresa Wilmes nach zwei Jahren Schuleinsatz nun sicher. Inzwischen studiert sie in London den Masterstudiengang „Education and International Development“.

Über Teach First
Teach First sucht Hochschulabsolventen verschiedener Studienrichtungen, die für zwei Jahre als zusätzliche Lehrkräfte bundesweit an Schulen in sozial schwierigen Umfeldern gehen. Sie arbeiten Vollzeit und werden bezahlt. Die sogenannten Fellows werden zuvor drei Monate lang auf ihren Schuleinsatz vorbereitet und dann ständig begleitet. Im Bewerbungsprozess zählt neben einem überdurchschnittlich guten Hochschulabschluss vor allem das persönliche Engagement der Kandidaten.

Teach first ist eine gemeinnützige GmbH, die sich aus Spenden finanziert. Die Gehälter der Fellows werden überwiegend aus öffentlicher Hand bezahlt. In Sachsen finanziert das Kultusministerium bis zu 60 Fellows ab dem kommenden Schuljahr. Sie werden zunächst in Oberschulen und Grundschulen rund um Dresden und Chemnitz eingesetzt.