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Dr. Doreen Reifegerste
wiss. MA Professur Kommunikationswissenschaft
mit Schwerpunkt Soziale Kommunikation
Nordhäuser Str. 63
99089 Erfurt
Tel.: +49 361/737 41 77 (nach Vereinbarung)

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Von der Kinderzimmerdozentin zur Kommunikationsforscherin
Dagmar Möbius

Als Kind spielte sie mit ihren Kuscheltieren Schule und war eifrige Nutzerin der städtischen Bibliothek. Sich Wissen anzueignen und weiterzugeben, bereitet Dr. Doreen Reifegerste bis heute Freude. Die Kommunikationswissenschaftlerin erforscht, wie Gesundheitswissen verständlich vermittelt werden kann. Deshalb weiß sie, warum gut gemeinte Präventionstipps häufig ins Leere laufen und wie Botschaften wirklich ankommen.

© privat; Dr. Doreen Reifegerste arbeitet an der Universität Erfurt, an der Professur Kommunikationswissenschaft.
© privat; Dr. Doreen Reifegerste arbeitet an der Universität Erfurt, an der Professur Kommunikationswissenschaft.
Schon als Schülerin interessierte sich Doreen Reifegerste für das menschliche Verhalten. Die gebürtige Thüringerin wollte Markt- und Meinungsforscherin werden und probierte sich im Kinderzimmer als Dozentin aus. Mit einem Abitur-Notendurchschnitt von 1,4 standen ihr in Dresden die Universitätstüren offen. Die hier lebende Verwandtschaft und das Heimatgefühl vereinfachten den Entschluss pro Sachsen und gegen ein Psychologiestudium in Marburg. Von 1998 bis 2003 absolvierte sie ein interdisziplinäres Magisterstudium an der TU Dresden (TUD) – mit Hauptfach Kommunikationswissenschaft und den Nebenfächern Psychologie und Wirtschaftswissenschaften. Als nebenberufliche Reiseleiterin sammelte sie auf Tagesreisen durch Deutschland Erfahrungen für die Präsentation von Wissen, die sie heute gelegentlich in Seminare einfügt.

Vom Thema ihrer Magisterarbeit musste sie ihren Professor Wolfgang Donsbach (†) allerdings erst überzeugen und einen Psychologen als Zweitgutachter ins Boot holen: „Der Einfluss von Fallbeispielen auf die Risiko- und Wirksamkeitseinschätzungen in der Gesundheitskommunikation“. Vor 15 Jahren ein noch unterpräsentiertes Forschungsgebiet, das sie in Dresden in die Kommunikationswissenschaft einführte. „Mit dem Thema kann ich Studierende heute noch beraten“, sagt die 39-Jährige, die seit Juni 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Soziale Kommunikation der Universität Erfurt tätig ist. Ihre im Jahr 2003 dargestellten Möglichkeiten der Hautkrebsprävention und deren Auswirkungen auf das Verhalten bereichern bis heute Seminare und Vorlesungen. So befassen sich Studierendengruppen in Erfurt mit der Frage, was Outdoor-Arbeiter am Einsatz von Schutzmaßnahmen – zum Beispiel vor schädlicher Sonneneinstrahlung – hindert. Zudem erarbeitet sie eine neue Hautkrebspräventionsleitlinie mit.

Nach ihrem Studium arbeitete Doreen Reifegerste von 2005 bis 2013 als angestellte Fachberaterin Marktforschung bei der AOK PLUS. „Als ich dort angefangen habe, war der Studiengang Kommunikationswissenschaft noch weitgehend unbekannt und es war gut, dass ich auch ein paar Kenntnisse in BWL auf dem Abschlusszeugnis vorweisen konnte“, erinnert sie sich. Parallel absolvierte sie ein dreijähriges Promotionsstudium an der Universität Erfurt. Das Thema „Anwendung evolutionärer Motive zur Steigerung der zielgruppenspezifischen Wirksamkeit von Präventionsbotschaften“ verteidigte sie im Jahr 2012.

„Oft wird davon ausgegangen, dass sich alle Menschen gesundheitsbewusst verhalten wollen. Das ist aber nicht so“, sagt die gebürtige Gothaerin. „Der Ansatz ‚Wenn ihr euch gesund verhalten wollt, dann müsst ihr dieses und jenes tun…‘ scheitert an anderen Interessen von Zielgruppen“, erklärt sie und nennt ein Beispiel: „Dass Koma-Saufen nicht gesundheitsförderlich ist, wissen viele. Trotzdem wird es gemacht, aus Gruppenzwang oder weil man jemanden beeindrucken möchte.“ Dass bei Jugendlichen Gesundheitsmotive kaum eine Rolle spielen, Anerkennung dafür umso mehr, berücksichtigt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heute bei ihren Kampagnen. „Werden diese Barrieren nicht beachtet, laufen viele Maßnahmen ins Leere“, so die Expertin für Gesundheitskommunikation. „Gesundheitswissen ist nur ein Teil des Ganzen, auch das Einordnen und Anwenden von Wissen ist wichtig.“

© Foto: bzga; Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung setzt bei der Suchtprävention auf Botschaften, die Jugendliche ansprechen.
© Foto: bzga; Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung setzt bei der Suchtprävention auf Botschaften, die Jugendliche ansprechen.
Zwischen 2013 und 2018 war Dr. Doreen Reifegerste als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TUD (hier auch Promotionsbeauftragte am Institut für Kommunikationswissenschaft), an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hochschule für Musik, Theater und Medien, in Hannover tätig. „Die methodischen Grundlagen für das empirische Erheben und Auswerten und das interdisziplinäre, zum Teil auch anwendungsbezogene, Studium in Dresden helfen mir viel in meiner jetzigen Tätigkeit“, blickt sie zurück und erklärt: „Ich kann mit ganz verschiedenen Fachdisziplinen und Praktikern arbeiten, weil ich deren unterschiedliche Zielstellungen und Herangehensweisen verstehe und wertschätze. Gleichzeitig weiß ich um die methodischen Gemeinsamkeiten und kann sie oft als Basis für eine Zusammenarbeit verwenden.“

Mit dem TUD-Institut für Kommunikationswissenschaft ist Dr. Doreen Reifegerste nach wie vor verbunden. „Von mir einst betreute Studentinnen und Studenten arbeiten dort als wissenschaftliche Mitarbeiter und treiben das Thema Gesundheitskommunikation weiter voran.“ Im Rahmen eines mit Prof. Wolfgang Donsbach und Prof. Lutz Hagen durchgeführten IfK-Praxisforums stellte sie 2014 mehrere Abschlussarbeiten zum Thema Gesundheitskommunikation öffentlich vor. Ehemalige Studierende oder Universitätskollegen arbeiten heute bei der AOK PLUS. Und: „Im letzten Semester hatte ich im Studiengang Master Gesundheitskommunikation in Erfurt auch eine ehemalige Bachelorstudentin aus Dresden.“ Über Vernetzung forscht sie nicht nur, sondern sie arbeitete mehrere Jahre in der Redaktion des bundesweiten Netzwerkes Medien und Gesundheitskommunikation mit, das mehrmals jährlich einen Newsletter für Wissenschaft, Politik und die interessierte Öffentlichkeit verschickt.

© Screenshot: https://www.netzwerk-gesundheitskommunikation.de
© Screenshot: https://www.netzwerk-gesundheitskommunikation.de
Aktuell erforscht Dr. Doreen Reifegerste, wie sich Gesundheitsinformationen so aufbereiten lassen, dass sie Laien verstehen und im Alltag unterstützen können. Wohlwissend, dass Skeptiker „Kommunikation für so selbstverständlich halten, dass sie nicht extra untersucht werden muss“, sagt sie: „Das Schöne an der Wissenschaft ist, dass sich mit jeder beantworteten Frage tausend neue auftun.“ Sind ihr in der Gesundheitskommunikation Ost-West-Unterschiede aufgefallen? „Gute Frage“, schmunzelt sie. Sie hat sich in der Vergangenheit auch mit der Historie des Deutschen Hygiene-Museums beschäftigt und denkt an Aufklärungsfilme mit politischen Botschaften in der DDR, die heute zu Abwehrhaltungen gegenüber staatlichen Präventionsbotschaften führen könnten. „Es gibt vermutlich strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West, aber zu dieser Thematik besteht noch ein großer Forschungsbedarf“, attestiert sie.

Seit 2017 fungiert Dr. Doreen Reifegerste als Vorsitzende der temporären Arbeitsgruppe Gesundheitskommunikation in der ECREA. Die 2005 gegründete europäische Organisation widmet sich der Entwicklung von Kommunikationsforschung und Hochschulbildung in Europa. Kürzlich erschien ihr gemeinsam mit Dr. Eva Baumann verfasstes Fachbuch „Medien und Gesundheit“. Das für Studienanfänger, Journalisten und Praktiker in der Gesundheits- und Kommunikationsbranche gedachte Werk bündelt Medienwissen rund um Gesundheitsthemen. Ein Lehrbuch „Gesundheitskommunikation: Studienkurs Medien & Kommunikation“ wird noch 2018 veröffentlicht.

Ein bisher unterbeleuchtetes Thema behandelt Doreen Reifegerste in einem weiteren Fachbuch, das sich derzeit im Druck befindet. „Die Rollen der Angehörigen in der Gesundheitskommunikation: Modelle, Funktionen und Strategien“ liegen ihr besonders am Herzen. „Im Alltag blenden wir oft aus, wie relevant soziale Netzwerke sind“, begründet sie. „Nehmen wir junge Krebskranke. Oft werden sie heute ambulant behandelt. Wer unterstützt sie bei ihrer Krankheitsbewältigung? Wie können Foren, WhatsApp-Gruppen oder PC-Spiele helfen?“ Auch beim Umgang mit Depressionen oder Diabetes spielen Familien eine wesentliche Rolle.

Für die Zukunft wünscht sich Dr. Doreen Reifegerste eine wertschätzende Sicht für Qualität in der Gesundheitskommunikation, mehr unbefristete Stellen und Arbeitsplatzsicherheit in der Wissenschaft sowie „mehr Leute und Geld für die Forschung“, gern auch projektbezogen. Interessierte können sich zudem direkt bei ihr als „Forschungssubjekt“ melden.