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PRISMA – Zentrum für Nachhaltigkeitsbewertung und -politik
Dagmar Möbius/Susann Mayer

„Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde. Umgangssprachlich meinen wir meist: langfristig wirtschaftlich erfolgreich, umweltschonend oder sozialverträglich.

Der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz aus dem sächsischen Freiberg sprach im Jahr 1713 erstmals vom Wort „Nachhalten“. Er warnte vor den wirtschaftlichen Folgen des massiven Waldabholzens und trat für ein konsequentes Aufforsten ein. Somit gilt er als Begründer einer nachhaltigen Forstwirtschaft, die forderte, nur so viel in der Natur zu ernten, wie natürlich nachwächst.

© Thomas Purfürst: Real-Messungen sind Voraussetzung für Minimierung der Waldbodenbelastung.
© Thomas Purfürst: Real-Messungen sind Voraussetzung für Minimierung der Waldbodenbelastung.
In den letzten Jahrzehnten wird Nachhaltigkeit immer mehr in Bezug auf Umweltbelastungen und gesellschaftliche Gerechtigkeit debattiert. Auch die TU Dresden (TUD) bearbeitet mit ihren regionalen, nationalen und internationalen Kooperationspartnern viele Aspekte von Nachhaltigkeit. Das im Jahr 2016 gegründete Kompetenzzentrum PRISMA - Zentrum für Nachhaltigkeitsbewertung und -politik bündelt diese Aktivitäten und macht sie in der Öffentlichkeit sichtbar. Die TUD-Professoren Edeltraud Günther (Nachhaltigkeitsmanagement und Betriebliche Umweltökonomie), Jochen Schanze (Umweltentwicklung und Risikomanagement), Christina Dornack (Abfall- und Kreislaufwirtschaft) sowie Dr. Peter Saling von BASF Director Sustainability Methods leiten als Vorstand das Zentrum.

„PRISMA – Zentrum für Nachhaltigkeitsbewertung und -politik  vereint rund 25 Mitglieder, größtenteils TUD-Professoren, aus verschiedenen Disziplinen unter der Vision: Wir messen und bewerten Nachhaltigkeit“, fasst die wissenschaftliche Geschäftsführerin Dr. Anne-Karen Hüske zusammen. „PRISMA steht für Performance and Policy Research In Sustainability Measurement and Assessment. Denken Sie zurück an Ihren Geometrieunterricht: Nachhaltigkeit kann als Dreieck mit den Dimensionen Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaft verstanden werden. Zusätzlich betrachten wir räumliche und zeitliche Aspekte in der Nachhaltigkeitsbewertung und somit entsteht aus dem Dreieck der geometrische Körper ein Prisma.“

Seit der Gründung wurden 18 Forschungsprojekte abgeschlossen. An 20 weiteren wird gearbeitet und drei haben dieses Jahr begonnen bzw. beginnen noch. Die Bewertungsobjekte reichen von Systemen, Institutionen, Organisationen und Individuen über Produkte und Prozesse zu Materialien. Dazu gibt es seit letztem Jahr gemeinsame Forschung mit der Copenhagen Business School. Diese internationale Wirtschaftsuniversität gilt als führend in der verantwortungsbewussten Managementausbildung.

„Nachhaltigkeit zählt zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Wie können wir unsere Studierenden vorbereiten, Nachhaltigkeit in Entscheidungen zu berücksichtigen? Wie vermitteln wir ihnen, ökonomische als auch ökologische und soziale Aspekte einzubeziehen und gegeneinander abzuwägen? Es kann zu Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Dimensionen kommen. Strukturwandel zugunsten umweltfreundlicher Wirtschaftszweige kann Arbeitsplätze in traditionelleren Industrien reduzieren. Ist nun der Umweltschutz wichtiger oder sind es die Jobs? Eine Verbesserung der gesellschaftlichen Komponente kann mit mehr Ressourceneinsatz einhergehen. Ist es das wert? Hier spielen auch die persönlichen Werte des Entscheiders mit hinein. Verschiedene Interessengruppen konfrontieren den Entscheider mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen an das Unternehmen seien es Arbeitsplätze, bessere Arbeitsbedingungen, Umweltschutz etc. Einfacher sind hingegen Win-win-Situationen, beispielsweise verstärken sich die ökologische und ökonomische Dimension bei Energieeffizienzmaßnahmen gegenseitig. Aber auch diese können in Ressourcenkonkurrenz zu anderen Investitionsprojekten stehen. Wie können wir unsere Studierenden vorbereiten, mit dieser Komplexität umzugehen?“ erklärt Projektleiterin Dr. Anne-Karen Hüske. „Unsere Forschung geht den Fragen nach: Was bedeutet verantwortungsvolle Managementausbildung? Wie können Entscheidungsträger befähigt werden, komplexe Entscheidungen abzuwägen? Und welche Strategien gibt es, um Nachhaltigkeit an Hochschulen zu integrieren?“

Unter der Leitung von Prof. Dr. Edeltraud Günther gibt es seit 2018 ein weiteres Projekt. Es beschäftigt sich mit Integration von Nachhaltigkeit in den Textilingenieurstudiengang in Bangladesch. TUD-Wissenschaftler nahmen kürzlich an einem Expertenplenum des Deutsch-Bangladeschischen-Hochschulnetzwerkes für nachhaltige Textilien in Thailand teil. Dabei besprachen sie, wie sich internationale Kooperationen entwickeln können oder wie der Lehrplan für die Hochschulbildung in Bangladesch im Sinn einer verantwortungsbewussten und nachhaltigen Unternehmensführung im Textil- und Bekleidungssektor verbessert werden kann.

 
© Harry Schiffer; Wenn Wohnquartiere kinderfreundlicher werden, erhöht das die Lebensqualität aller Einwohner. Dieses Ziel verfolgen die am Forschungsprojekt "Metamorphosis" beteiligten Wissenschaftler.
© Harry Schiffer; Wenn Wohnquartiere kinderfreundlicher werden, erhöht das die Lebensqualität aller Einwohner. Dieses Ziel verfolgen die am Forschungsprojekt "Metamorphosis" beteiligten Wissenschaftler.
Im Projekt „Metamorphosis“ arbeitet die Professur für Verkehrsökologie mit elf europäischen Partnern daran, dass sich besonders Kinder in ihren Wohngebieten wohlfühlen. „Dafür braucht es Orte mit wenig oder keinem Kfz-Verkehr, mit viel Grün, mit Spiel- und Sitzgelegenheiten, mit einer Umgebung, die zum Verweilen und Austauschen einlädt“, erklärt Projektleiter Prof. Udo Becker. „Dann geht es auch Familien, Älteren und Mobilitätseingeschränkten gut. Das stärkt die Nachbarschaft und das Miteinander und ist obendrein noch gut für das lokale und globale Klima“, fügt Jan Peter Glock hinzu. Die Besonderheit bei „Metamorphosis“ ist, dass Kinder an allen Projektschritten beteiligt sind, von der Analyse bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Nicht nur die sieben Modellstädte profitieren vom Projekt; unter anderem wird ein für andere Kommunen nutzbarer Leitfaden erstellt.

Prof. Thomas Günther sucht mit seinem Team nach Lösungen, wie sich bei digitalisierten Arbeitsplätzen (beispielsweise in der Konstruktion, Projektplanung oder Entwicklung) Zeit- und Leistungsdruck reduzieren lässt. Im Projekt „GADIAM – Gesundes Arbeiten mit vernetzten digitalen Arbeitsmitteln“ untersuchen die Forscher, ob und wie man Überforderung durch komplexe geistige Arbeit vermeiden kann, indem bei der  Arbeitszeitplanung mitbestimmt wird. Bisher gibt es keine Verfahren, mit denen man zumutbare Leistungsmengen bei digitaler Arbeit verlässlich ermitteln könnte. Zwei der Kooperationspartner sind sächsische Unternehmen: die Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH mit Sitz in Dresden und die Telegärtner Gerätebau GmbH in Klingenberg.

Wie sich Nachhaltigkeit für Carbonbeton bewerten lässt, untersuchen Prof. Edeltraud Günther und Dr. Peter Saling mit weiteren Partnern. Im Rahmen von C³ – Carbon Concrete Composite (kurz: Carbonbeton) stehen vor allem ökologische und soziale Aspekte im Mittelpunkt.

Prof. Christina Dornack und Prof. Edeltraud Günther betreuen eine Dissertation zum Thema „Ganzheitliche Untersuchung zur Entwicklung und Befähigung von Unternehmens- und Produktionsprozessen zur Implementierung der Circular Economy“ am Beispiel der AUDI AG.

Bei PRISMA – Zentrum für Nachhaltigkeitsbewertung und -politik sind neue Mitglieder willkommen. Sie sollen auf dem o.g. Gebiet forschen und publizieren und die Ziele des Kompetenzzentrums unterstützen.

© S. Geise; Carbonbeton ist ein neuer Verbundwerkstoff, mit dem das Bauen der Zukunft eingeläutet wird. Damit werden Häuser und Brücken deutlich ressourcen- und platzeffizienter bei gleicher Festigkeit des Materials gebaut.
© S. Geise; Carbonbeton ist ein neuer Verbundwerkstoff, mit dem das Bauen der Zukunft eingeläutet wird. Damit werden Häuser und Brücken deutlich ressourcen- und platzeffizienter bei gleicher Festigkeit des Materials gebaut.