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Wie Pokémon beim Gesundbleiben helfen kann
Dagmar Möbius/Susann Mayer

In der interdisziplinären Nachwuchsforschergruppe Care4Saxony arbeiten TUD-Wissenschaftler aus Informatik, Medizin, Technik und Ökonomie zusammen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der Sachsen besonders herausfordert, wollen sie Lösungen erarbeiten, um dem Fachkräftemangel im Bereich Gesundheit und Pflege zu begegnen.

Die Forschungsfelder der Teammitglieder
Die Forschungsfelder der Teammitglieder

„In Sachsen werden im Jahr 2030 mehr als 30 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein. Daher sind besonders im ländlichen Raum effiziente Konzepte für die Gesundheitsversorgung gefragt“, erklärt Lorenz Harst. Der Kommunikationswissenschaftler arbeitet am Universitätsklinikum Dresden. Auf der einen Seite gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse zu den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Telemedizin. Auf der anderen haben die Menschen Wünsche, Sorgen und Nöte hinsichtlich dieser neuen Form der Gesundheitsversorgung. Hinzu kommen die regionalen Gegebenheiten in Sachsen. Diese drei Aspekte möchte er effektiv vereinen. Wichtig ist, dass Patienten neue digitale Angebote wie Videosprechstunden oder Gesundheits-Apps akzeptieren. Daher sollten sie bereits frühzeitig die Chancen und Risiken solcher Angebote bewerten und auch bei deren Entwicklung mit einbezogen werden.

Dr. Hannes Schlieter leitet die Nachwuchsforschergruppe Care4Saxony. Der Wirtschaftsinformatiker sagt: „Wir erforschen, wie die Digitalisierung die sächsische Gesundheitslandschaft beeinflusst. Eines unserer Anliegen ist, den Übergang von nützlichen und besonders innovativen Telemedizinprojekten in die Regelversorgung zu unterstützen. Nur so sind diese Lösungen auch möglichst allen Versicherten zugänglich. Beispielsweise haben wir einen Fragenkatalog für junge Firmen entwickelt. Er gibt ihnen Hinweise, ob sie bei der Entwicklung und Erprobung o.g. telemedizinischer Ideen alle bestehenden Regularien und Vorgaben eingehalten haben.“

Das Problem ist weniger die Innovationsfähigkeit solcher jungen deutschen Firmen und Forschungseinrichtungen. Vielmehr werden stetig neue Lösungen kreiert, die mit den Mitteln von Informations- und Kommunikationstechnologien (kurz IuK-Technologien) neue Arten der Diagnostik und Therapie erlauben. Zum Beispiel können heute bereits Rehabilitationsübungen mit wenigen technischen Mitteln – vergleichbar mit einem Videospiel – automatisch angeleitet und in der Ausführung überwacht werden. Bisher gibt es jedoch für Forscher so gut wie keine Instrumente, die Wirksamkeit und Qualität von digitalen Gesundheitsangeboten nachweisen.

Die Wirtschaftsinformatikerin Lena Otto vom Care4Saxony-Team möchte, dass telemedizinische Anwendungen Teil der Regelversorgung sind. „Ich untersuche, warum das einige der verfügbaren Lösungen nicht schaffen. Liegt es am Geschäftsmodell, an der Anwendung oder an der Einsatzregion?“, erklärt sie. Bewertungsmodelle für Regionen sollen konkrete Hinweise geben, wie mittels Telemedizin die Versorgung verbessert werden kann.
 
Helfen Computerspiele gesund zu bleiben?
Die auf den ersten Blick lustige Frage können die Mitglieder der Care4Saxony-Nachwuchsforschergruppe inzwischen beantworten. Eindeutig „Ja“. Um dies herauszubekommen, haben sie das beliebte Spiel „Pokémon GO“ zugrunde gelegt, das monatlich rund 150 Millionen Menschen aktiv nutzen. Ihre Frage war: Trägt das Fangen von Pokémon mit dem Smartphone (oder das Verwenden anderer Spiele) dazu bei, sich gesünder zu verhalten und konstruktiv mit Krankheiten umzugehen? Die Kombination aus Spieldesign, Verhaltensökonomie, Motivationspsychologie und Benutzererfahrung macht Spielen effektiv. Und: „Die spielerische Motivation von Pokémon sich zu bewegen, um so besonders seltene Pokémons zu erobern, hilft gleichzeitig, ungesundes Verhalten zu ändern. Dies fördert einen gesünderen Lebensstil“, meinen die Forscher. Menschen lassen sich damit zu etwas motivieren, was sie vielleicht ungern tun würden, wenn es von anderen verlangt würde. So ersetzt die innere Motivation von außen herangetragene Vorschriften und Maßgaben.

Screenshot https://www.pokemongo.com; Wissenschaftlich belegt: Das beliebte Spiel fördert gesundheitsbewusstes Verhalten.
Screenshot https://www.pokemongo.com; Wissenschaftlich belegt: Das beliebte Spiel fördert gesundheitsbewusstes Verhalten.
„Mit Simulationen beobachten Spielende, wie sich bestimmte Verhaltensweisen auswirken, ohne sich dabei zu gefährden“, erklärt Lorenz Harst. So können Kinder in der Rolle des Mini-Arztes Rex Ronan bei einer Reise durch den Körper sehen, wozu Rauchen führt. Das stärkte ihre ablehnende Haltung zum Rauchen. Andere Spiele fördern gesunde Ernährung, ein sicheres Sexualverhalten, die Prävention von Verletzungen oder die frühzeitige Behandlung von Herzinfarkten.

Doch bei Care4Saxony werden noch weitere Forschungsfelder bearbeitet. Wie sich Qualität auch über die Grenzen der ambulanten und stationären Versorgung hinweg messen lässt, interessiert den Versorgungsforscher Patrick Timpel. Eine besondere Herausforderung stellt aus seiner Sicht die Bewertung von digitalen Versorgungsangeboten dar. „Was bringt Telemedizin bei Diabetes, und welche Angebote sind bei welchen bestimmten Patientengruppen besonders erfolgversprechend?“, fragt er sich. Um diese Angebote zu bewerten und systmatisch weiter zu entwickeln, nutzt er zudem die Ergebnisse seiner Kollegen der Nachwuchsforschergruppe.

Der Informatiker Bastian Wollschlaeger beschäftigt sich damit, wie Senioren / Patienten in ihrem Wohnumfeld mit Assistenzsystemen unterstützt werden können. Dem Patienten soll es damit möglich sein, trotz seiner Einschränkung weiterhin im eigenen Zuhause leben zu können. Dies funktioniert mit einer passfähigen Lösung für das individuelle Handicap und dem sog. „Risikoprofil“. So kann älteren Patienten mit erhöhtem Sturzrisiko eine automatisch schaltende Treppenbeleuchtung Sicherheit bieten, genauso wie integrierte Sturzwarnsysteme und eine automatische Notfallerkennung. Die eigene Wohnung kann so die Gesundheitsversorgung unterstützen und Ankerpunkt für innovative telemedizinische Anwendungen werden.

Wirtschaftsinformatikerin Peggy Richter möchte Qualitätsindikatoren in Behandlungspfade einbinden: „Dies ermöglicht, dass medizinische Prozesse wirklich vergleichbar werden und damit auch echte Qualitätsaussagen zur Einhaltung von Vorgaben gemacht werden können.“ Heutzutage kann es passieren, dass der Patient unterschiedliche Behandlungsmethoden, Medikation und Therapieempfehlungen erhält, wenn er verschiedene Ärzte aufsucht. Wenn es eine einheitliche und vor allem übergreifende Qualitätssystematik für Ärzte gäbe, kann für den Patienten die ideale Empfehlung ausgesprochen als auch grobe Abweichungen identifiziert werden. Gleichzeitig wird der Patient optimal durch das Versorgungssystem geleitet, unnötige Mehrfachuntersuchungen und überflüssige Abläufe entfallen.  

Große Herausforderungen stellen auch Fragen der Transparenz sowie der Sicherheit und des Datenschutzes dar. Obwohl es für viele IuK-Technologien im Gesundheitswesen wissenschaftliche Studien gibt, finden deren Erkenntnisse bisher nur unzureichend den Weg in die Versorgung im Gesundheitswesen. „Dabei sollten digitale Lösungen wie Gesundheits-Apps, die Trainingsanreize geben, ein wesentlicher Bestandteil von Therapiemaßnahmen sein. Die Metapher der „Digitalen Pille“ bedeutet, dass Arzt als auch Patient die Gesundheits-App genauso bewerten und akzeptieren wie eine Arznei.“  Oder ist es nachvollziehbar, dass ein kurierter Schlaganfallpatient in den wenigsten Fällen statt einer Beratung im Umgang mit einer Rauchentwöhnungs- oder Bewegungs-App nur einen scheinbar nicht beherrschbaren Medikamenten-Cocktail erhält?

„Ca. 20 % des Budgets der gesetzlichen Krankenkassen fließen heute in Arzneimittel. Würde davon nur ein Bruchteil in die Anwendung von Gesundheits-Apps gesteckt werden, wäre nicht nur den Patienten geholfen, sondern auch ein ganzer Wirtschaftszweig belebt, der in anderen Ländern längst boomt. Oder sollen auch hier Amazon und Google das Geschäft machen?“, fragt Care4Saxony-Projektleiter Dr. Hannes Schlieter.

Die Nachwuchsforschergruppe Care4Saxony wird vom Europäischen Sozialfonds (ESF) und vom Freistaat Sachsen mit rund 1, 1 Mio. € gefördert und läuft noch bis 2020. Verbundpartner sind die Professur für Wirtschaftsinformatik, insb. Systementwicklung, die Professur für Prävention und Versorgung des Diabetes, der Forschungsverbund Public Health Sachsen und die Professur für Technische Informationssysteme.

Archiv Care4saxony; Mitglieder des Nachwuchsforschungsteam
Archiv Care4saxony; Mitglieder des Nachwuchsforschungsteam