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Lesererzählungen

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Träume? Betrachtungen dreißig Jahre nach der Wende
Mathias Bäumel

Am Nachmittag des 19. Dezember 1989, Dresden, Straße der Befreiung. Meine Kollegin – eine junge Punkerin – und ich verteilten selbst hektografierte Handzettel (ja, wir hatten im Büro ein Ormig-Gerät) an die in Richtung Hotel Bellevue strömenden Leute. Darauf stand: „Wer Helmut Kohl zujubelt, jubelt einem zu, der bis heute noch nicht die Oder-Neiße-Grenze anerkannt hat!“ Wir wurden bedroht, beschimpft, junge, energische Männer wurden handgreiflich, man riss uns Packen der Handzettel aus den Händen, zündeten sie an oder warf sie in Papierkörbe. „Holt sie ja nicht dort wieder raus, sonst geht es euch an den Kragen!“ Das war das Ende, bevor es überhaupt richtig anfing.

Aber es begann. Es begann die Zeit aufschwingender Euphorie ebenso wie die der sich krebsartig ausbreitenden Dummheit. Endlich konnte ich die richtigen Bücher lesen, die richtige Musik hören, wichtig scheinende Gedanken veröffentlichen.

Und gleichzeitig wurde immer spürbarer, dass mein Leben bestimmt wurde vom dreisten Auftreten bestenfalls drittklassiger Kolonialverwalter. Menschen, die über eine ihnen selbstverständlich erscheinende Geltungssucht verfügten, erhielten unabhängig von ihrer Kompetenz die gesellschaftliche Deutungshoheit. Wie sich auch Hiesige hier einpassten, war beängstigend, wenngleich nicht verwunderlich.

Das hatte Konsequenzen bis in die Gegenwart. Auch die heute üblichen Signalhandlungen wie die ideologische Zeichensetzerei (man will als zu den Guten gehörend wahrgenommen werden) oder der Gender-Unsinn (der uns der wünschenswerten realen Gleichberechtigung keinen einzigen Schritt nähergebracht hat) sind hier im Osten Kinder einer Maxime, die eher auf subtile Drohung als auf produktive Streitbarkeit setzt.

Ziemlich genau kann ich mich daran erinnern, wie damals am und im von vielen Menschen umlagerten Hotel Bellevue quasi in Sekundenschnelle prominent gewordene Dresdner sich bei verschiedenen Westparteien anbiederten: Wer zahlt mehr? In dessen Partei trete ich ein. Auch das war Teil der Wahrheit.

Träume? Mein Traum war lange Zeit der von Wissen und Bildung als Möglichkeit, eine gutgemeinte, aber ziemlich übel gemachte Gesellschaft zu verändern. Um 1991 jedoch begann ich zu ahnen, dass Wissen und Bildung wohl mehr als Chancen zu begreifen sind, innerhalb einer üblen, aber attraktiv gemachten Gesellschaft eine kleine persönliche Heimat zu finden. Träume?

Eine knappe Generation später drängt sich mir ein Gedanke von Joseph Roth auf, den dieser in seiner Erzählung „Die Büste des Kaisers“ zwar auf die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gemünzt hatte, der mir aber auch heutzutage hilft, meine Beklemmungen zu formulieren: „Es war die Gesellschaft, die in allen Hauptstädten der allgemein besiegten europäischen Welt – unwiderruflich entschlossen, vom Leichenfraß zu leben – mit satten und dennoch unersättlichen Mäulern das Vergangene lästerte, die Gegenwart ausbeutete und das Zukünftige preisend verkündete.“