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Katja Kipping, MdB
Sozialpolitische Sprecherin
Fraktion DIE LINKE.
Deutscher Bundestag
Platz der Republik 1
11011 Berlin
Telefon: 030 227-70526
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Spitzenpolitikerin mit Bodenhaftung und Freiräumen
Dagmar Möbius

Katja Kipping tat sich mit dem Führungsbegriff lange schwer. Dabei war sie Klassen- und Schulsprecherin und organisierte Partys in ihrer Schule. Mit 21 Jahren war sie Dresdner Stadträtin, mit 25 Jahren Mitglied im Fraktionsvorstand ihrer Partei im Landtag, mit 27 Jahren zog sie in den Bundestag ein und mit 34 Jahren wurde sie zur Vorsitzenden der Partei Die Linke gewählt. Die Slawistin konnte sich vorstellen, Professorin zu werden. „Doch bisher hat immer die Politik gerufen“, sagt die 41-jährige gebürtige Dresdnerin.

©Anke Illing; Katja Kipping gehört seit 2005 dem Deutschen Bundestag an. Seit 2012 ist sie gemeinsam mit Bernd Riexinger Vorsitzende der Partei Die Linke.
©Anke Illing; Katja Kipping gehört seit 2005 dem Deutschen Bundestag an. Seit 2012 ist sie gemeinsam mit Bernd Riexinger Vorsitzende der Partei Die Linke.
Den Mund aufmachen, etwas verändern und Verantwortung übernehmen, das ist ihre Motivation. Katja Kipping sagt: „Die Wende hat bei mir etwas freigesetzt, sie war Anreiz für mein politisches Engagement.“ 1990 war Katja Kipping zwölf Jahre jung. Mit dem Umbruch einhergehende Veränderungen spürte sie in ihrem Elternhaus. Robotron, wo ihr Vater als Diplom-Ingenieur arbeitete, wurde abgewickelt. Ihr Vater machte sich darauf selbstständig. Ungerechtigkeiten machten die Jugendliche wütend. Sie engagierte sich im Jugendverein Roter Baum und in einer Umweltgruppe der Grünen Liga. Nach dem Abitur am Dresdner Annen-Gymnasium ging sie 1996 für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Russland. Die Zeit in Gatschina hat sie geprägt.

„Aus reinem Interesse“ entschied sich Katja Kipping für das Studienfach Slawistik/Literaturwissenschaft und die Nebenfächer Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der TU Dresden (TUD). In die ersten beiden Studienjahre packte sie das doppelte Pensum. Ihr Plan: „Ich wollte wieder zurück nach Russland oder in die USA.“ Doch in dieser Zeit entwickelte sich eine Protestbewegung an der Hochschule. „Die Hörsäle waren so voll, dass kein Platz zu finden war. Zudem gab es Mittelkürzungen.“ Die junge Studentin engagierte sich 1997/98 im Protestbüro der TUD. Höhepunkt war eine Demonstration mit 10.000 Teilnehmern vor dem Landtag im Dezember 1997. „Wir wollten alternative Vorlesungsformen, zum Beispiel ein Studium generale“, umreißt sie die damaligen Forderungen. „Leider flauten die Proteste schnell ab.“ Und zwar nach den Weihnachtsferien.

© Katja Kipping; Studierendenproteste für bessere Studienbedingungen Ende der 1990er-Jahre an der TU Dresden.
© Katja Kipping; Studierendenproteste für bessere Studienbedingungen Ende der 1990er-Jahre an der TU Dresden.

Katja Kipping wollte aber kontinuierlich etwas tun. 20-jährig trat sie im April 1998 in die PDS ein. Schon ein Jahr später wurde sie in den Dresdner Stadtrat sowie als Abgeordnete in den Sächsischen Landtag gewählt. Dort fungierte sie unter anderem als Sprecherin für Verkehr- und Energiepolitik. Ihr Studienpensum verlegte sie nun oft in die Nacht- und Wochenendstunden. Im Jahr ihres Magisterabschlusses 2003 (Thema ihrer wissenschaftlichen Arbeit: „Interdependenzen zwischen Politik und Literatur, exemplarisch dargestellt an Werken von Cernycevskij, Cechov und Blok“) wurde sie als stellvertretende Parteivorsitzende der Linkspartei. PDS gewählt. Ihre Arbeitsschwerpunkte von nun an: Agenda Sozial und Kontakt zur sozialen Bewegung. Der politische Aufstieg setzte sich fort. Seit 2005 ist sie Mitglied des Bundestages und sozialpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke. Zwei Jahre später wurde sie stellvertretende Vorsitzende ihrer Partei. Seit Juni 2012 bildet sie gemeinsam mit Bernd Riexinger eine Doppelspitze.

© privat; "Ist schon okay, sich auf einem Plakat gut zu machen", sagt Katja Kipping (hier als junge Abgeordnete), "aber auch wenn ich die Frauenquote gut finde, bin ich für gleichberechtigtes Wirken von Frauen und Männern."
© privat; "Ist schon okay, sich auf einem Plakat gut zu machen", sagt Katja Kipping (hier als junge Abgeordnete), "aber auch wenn ich die Frauenquote gut finde, bin ich für gleichberechtigtes Wirken von Frauen und Männern."
Somit führt sie 62.000 Parteimitglieder. Für 100 hauptamtliche Mitarbeitende in der Bundesgeschäftsstelle steht sie in besonderer Verantwortung. Nicht allein, betont sie und mit dem Hinweis, dass sie die Linke ohne Frauenquote nicht kennt. „Gut so.“ Ihren ersten Erfolg als Führungskraft datiert Katja Kipping auf die Parteineugründung aus PDS und WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit). „Ich war gerade auf Bundesebene aktiv und viele lehnten diese Fusion aus Angst vor Neuem ab“, erinnert sie sich. Doch es gelang ihr zu überzeugen. Außerdem konnte sie die Idee der Sanktionsfreiheit positionieren. „Dafür musste ich auch in den eigenen Reihen kämpfen. Jetzt gibt es ein breites Bündnis dafür. Selbst in der SPD melden sich inzwischen mehr und mehr Stimmen dafür. Nun brauchen wir Mehrheiten links der Union, um das umzusetzen.“
Sehr zufrieden mit ihr als Chefin ist Judith Kainer: „Katja Kipping ist eine Politikerin, die nie ihre Bodenhaftung verlieren wird. Sie hat zudem einen weitreichenden Blick für die zukünftigen Gestaltungsanforderungen in unserer Gesellschaft.“ Seit 2015 leitet sie Katja Kippings Büro im Deutschen Bundestag. Zuvor war die Literaturwissenschaftlerin deren persönliche Mitarbeiterin in der Bundesgeschäftsstelle der Partei.

Das Wissen aus ihrem Studium nutzt Katja Kipping heute indirekt. „Die im Studium vermittelten Fähigkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens sind für mein fachpolitisches Wirken und für das Publizieren sehr hilfreich. Auch die Kenntnisse der Rechtswissenschaften sind für die gesetzgebende Arbeit als Abgeordnete enorm wichtig“, sagt sie. Mit Professor Ludger Udolph am damals familiären Institut für Slawistik hatte sie am meisten zu tun. „Ihm verdanke ich das Aneignen der russischen Literatur.“ Tolstois Novelle „Die Kosaken“ fällt ihr spontan ein.

In die Zeit zwischen zwei Gesprächsterminen platzte Anfang Juli 2019 eine Zeitungsmeldung: „Katja Kipping hält Rückzug aus der Spitzenpolitik für verführerisch.“ Dass es ein Leben außerhalb der Politik gibt, weiß sie nicht erst seit der Geburt ihrer Tochter. „Ich kann mir sowohl vorstellen, weiter in der ersten Reihe zu kämpfen, als auch als reine Fachpolitikerin und Freigeist zu wirken, um mich so gegen Armut zu engagieren. Ich habe immer darauf geachtet, ein emotional und intellektuell reiches Leben auch neben der Politik zu haben, so dass ich die Anerkennung und die Aufmerksamkeit eines Spitzenpostens nicht zwingend brauche. Und ich bin auch nicht verbittert oder erschöpft“, stellt sie klar. Das bedingungslose Grundeinkommen und der Kampf gegen Hartz IV treiben sie um. Innerlich frei zu sein, findet sie wichtig.

Für die Wissenschaft sei es mit über 40 wohl zu spät, doch Professorin zu werden, reize sie schon. Bisher rief allerdings jedes Mal die Partei. Welchen Weg sie künftig gehen wird, entscheidet sie nicht allein. „Momentan haben wir eine gesellschaftliche Situation, die völlig offen ist“, sagt sie vor und nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. „Es kann jederzeit zu Neuwahlen kommen. Die gesamte Bundesrepublik kann entweder nach rechts kippen oder es kann sogar zu Mehrheiten links der Union kommen.“ Das Stichwort Regierungsverantwortung versetzt sie nicht in Panik. Auch wenn sie sich gelegentlich mit straftatrelevanten Angriffen und Drohungen auseinandersetzen muss. „Das ist ein gewisses Berufsrisiko“, kommentiert sie.

Abseits des politischen Lebens plant Katja Kipping regelmäßig Freiräume ein, für die Familie, für Freunde und für Urlaub. Beim regelmäßigen „Mädelsabend“ geht es nicht um Führungsaufgaben und Politik, sondern um Männer, Literatur, Mode. „Da bin ich nur Freundin“, lacht die zwischen Dresden und Berlin Pendelnde.

„Eine Biografie wie meine kann man nicht planen“, sagt Katja Kipping. Sie ermutigt mehr Menschen, sich für Dinge einzusetzen, die ihnen wichtig sind, und in entscheidenden Momenten Verantwortung zu übernehmen. Die Aufteilung der Sorge- und Familienarbeit hält die Politikerin auch heute für „eine der großen Quellen der Ungerechtigkeit“. Weil sie weiß, wo es hakt, hat sie sich der parteiübergreifenden Initiative „Eltern in der Politik“ angeschlossen. Sie wünscht sich mehr Personen, die Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt haben, in verantwortungsvollen Positionen.

© D. Möbius; Im 2019 erschienenen Buch "Ostfrauen verändern die Republik" wird auch Katja Kipping (2. v. l.) porträtiert. Hier bei einer Diskussion mit Verleger Dr. Christoph Links (l.), Co-Autor Marcus Decker (2. v. r.) und Pilotin Cornelia Leher (r.).
© D. Möbius; Im 2019 erschienenen Buch "Ostfrauen verändern die Republik" wird auch Katja Kipping (2. v. l.) porträtiert. Hier bei einer Diskussion mit Verleger Dr. Christoph Links (l.), Co-Autor Marcus Decker (2. v. r.) und Pilotin Cornelia Leher (r.).