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Technische Hochschule Lübeck
Anja Lorenz

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Absolventenporträts

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Königin der Online-Kurse
Dagmar Möbius

Als Schülerin nahm Anja Lorenz regelmäßig an Matheolympiaden teil und interessierte sich für Computer. Im Informatikunterricht war sie eins von wenigen Mädchen. Sie fand PC-Spiele reizvoll. Und 3-D-animierte Filme. Das wollte sie beruflich auch können. Heute ist die Diplom-Medieninformatikerin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Hochschule Lübeck. Oder „Queen of MOOC-Maker“. Und fast schon eine Zeitzeugin.

© Kai, Obermüller; Diplom-Medieninformatikerin Anja Lorenz beim OERCamp18Nord.
© Kai, Obermüller; Diplom-Medieninformatikerin Anja Lorenz beim OERCamp18Nord.
Auf Tagungen wird Anja Lorenz gern als „Queen of MOOC-Maker“ vorgestellt. So steht es auch auf ihrer Visitenkarte und in ihrer E-Mail-Signatur. Das ist jedoch nicht die offizielle Tätigkeitsbezeichnung der 36-Jährigen. Seit 2014 ist sie als Instructional Designerin am Institut für Lerndienstleistungen der Technischen Hochschule Lübeck tätig. Zudem engagiert sich die gebürtige Sachsen-Anhaltinerin auf verschiedenen Ebenen für offene Bildung und Forschung.

Der Jobtitel mit Königinrang entstand aus einem Spaß im Team: „Wir nahmen heute gebräuchliche englische Stellenbezeichnungen auf die Schippe. Irgendwie wurde das ein Selbstläufer“, lacht Anja Lorenz. MOOC ist die Abkürzung für „Massive Open Online Course“. Auf Deutsch etwa: „große offene Online-Kurse (auch) auf akademischem Niveau“, in der Regel kostenlos und für alle zugänglich. Immer mehr Hochschulen und universitäre Einrichtungen setzen auf diese Bildungsform. „Auch die TU Dresden“, sagt die Diplom-Medieninformatikerin, die hier von 2003 bis 2008 studierte. Nach Stationen bei der chemmedia AG und fünf Jahren an den Lehrstühlen für Wirtschaftsinformatik an der TU Chemnitz, war sie auch 2012 bis 2013 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Medienzentrum der TU Dresden tätig, bevor sie 2014 ihre aktuelle Herausforderung an der TH Lübeck aufnahm.

Vorbild „Ice Age“, aber nie Quotenfrau
Etwas anderes als ihre gewählte Studienrichtung „Medieninformatik“ kam für Anja Lorenz nie infrage. „Unter einem Mathematikstudium konnte ich mir damals nicht viel vorstellen“, sagt sie. Beim schulischen Informatikunterricht, zehn Jahre nach der Wende, hatten die Lehrer oft mit den Schülerinnen und Schülern gelernt. Einen Film wie „Ice Age“ herstellen zu können, stellte sie sich als Abiturientin spannend vor. Die Hardware als Teil der Informatik reizte sie hingegen wenig. Als Elftklässlerin verbrachte sie eine Woche in Dresden und schmuggelte sich in eine Erstsemestervorlesung der TUD im Fach Medieninformatik.

Das ab dem 3. Semester mit BWL kombinierte Diplom-Studium in Dresden sieht sie rückblickend als gute Entscheidung. Auch wenn sich ihre Interessen zwischenzeitlich geändert haben. Anja Lorenz begann sich für E-Learning zu interessieren. „Im 5. Semester bastelte ich meinen ersten Stundenplan im Hauptstudium“, erzählt sie. Sie arbeitete zwei Jahre als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl „Didaktik der Informatik“ und besuchte Lehrveranstaltungen zu kollaborativen Systemen, barrierefreien Dokumenten und Medienrecht. Ihre Diplomarbeit („Analyse und Realisierung des Rollenmanagements in der kollaborativen Lernumgebung Blues’n“) vertiefte das Thema. „Als eine von wenigen Frauen habe ich mich nie gefühlt“, sagt sie. Obwohl im Grundstudium gefühlt 90 Prozent der Studierenden männlich waren. „Dass es ein Frauenförderprogramm gab, fand ich anfangs etwas befremdlich“, blickt sie zurück. „Ich hatte eigentlich nicht besonders den Eindruck, als Frau gefördert werden zu müssen, weil das in meinem Studium scheinbar keinen Unterschied machte. Heute weiß ich, dass auch weibliche Vorbilder wichtig sind, meine Professoren waren ausschließlich Männer.“

© PR; 2018 informierte Anja Lorenz den Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), an der Technischen Hochschule Lübeck über ihre Arbeit.
© PR; 2018 informierte Anja Lorenz den Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), an der Technischen Hochschule Lübeck über ihre Arbeit.


Zeitzeugin für Online-Kurse von Bienenzucht bis Volleyball

Für eine geplante Promotion wechselte die Medieninformatikerin 2009 an die TU Chemnitz. Über die Thematik des E-Learning ergaben sich viele spannende Projekte. „Ich war bei den ersten deutschen MOOCs dabei und habe mit den SOOC13 und SOOC1314 auch selbst welche veranstaltet“, erzählt sie. „Beides waren Projekte mit dem Medienzentrum der TU Dresden.“ Über diese Kontakte kamen auch Dresdner MOOCs auf die Lübecker Plattform.

Eine Dissertation verfasste Anja Lorenz dann doch nicht. Sie fand heraus, „dass man an der Hochschule auch anderes machen kann.“ Die Online-Kurse hatten sie in ihren Bann gezogen. In Lübeck stieg sie 2014 komplett in das Feld ein. Etwa 50 selbstproduzierte MOOCs hat die Technische Hochschule Lübeck bisher vorzuweisen. „Vor allem Hochschulthemen“ werden bearbeitet, berichtet sie, „verstärkt auch Berufsschulthemen“. Prinzipiell gibt es auf der Plattform „alles von Bienenzucht bis Volleyball“, auch durch externe MOOC-Maker.

Einen typischen Arbeitstag gibt es für die „Queen of MOOC-Maker“ nicht. Viele Dienstreisen sind zu absolvieren, etwa eine in zwei Wochen. Ins Büro käme sie am liebsten nicht so früh. Nach „täglich vielen Mails und Meetings“ arbeitet sie an ihren Projekten. Aktuell stellt sie einen Kurs zum Thema „Digitaler Selbstschutz“ fertig. Dafür muss sie mit vielen Leuten sprechen – ein Fakt, auf den Informatiker im Studium selten vorbereitet werden. „Die Vorstellung von Nerds ist nicht mehr zeitgemäß“, stellt Anja Lorenz klar. Sie selbst schreibt momentan beruflich keine Codes, aber für das grundlegende Verständnis der Entwicklungsarbeit sind ihre erworbenen Kenntnisse nötig. Nicht zu vergessen die Softskills: „Probleme eigenständig lösen oder sich eine Gruppe von Menschen zusammensuchen, die gemeinsam arbeiten kann, Werkzeuge dafür auswählen, sauber arbeiten, LaTeX und Textsatz ordentlich anwenden, Präsentieren und Gestaltungsfähigkeiten helfen am meisten weiter.“

Anständig: Wissen vor Bezahlschranken
Begeistert ist Anja Lorenz von sogenannten OER-Projekten und Open Access. OER steht für „Open Education Ressources“ – frei lizensiertes Lernmaterial wird anderen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. „Ich selbst nutze es und verbreite es weiter“, erklärt sie. Ihre Motivation: „Ich finde es anständig, wenn staatlich finanzierte Forschungsergebnisse auch verbreitet werden.“ Ohne dafür bezahlen zu müssen. Ihre letzte Publikation hinter einer Bezahlschranke wurde 2017 veröffentlicht.

Neben ihrer Arbeit an der TH Lübeck organisiert Anja Lorenz BarCamps, unter anderem im Orga-Team des BarCamp Lübeck und im Vereinsvorstand des educamp e.V.  Sie betreibt zusammen mit Oliver Tacke seit 2018 den Podcast BldgAltEntf, ist Mitglied im Bündnis Freie Bildung und Fördermitglied im FabLab Lübeck. Zudem wird sie gern zu Vorträgen und Workshops eingeladen. Frühere Kolleginnen und Kollegen und ihren ehemaligen Dresdner Chef trifft sie oft auf E-Learning-Konferenzen. Bleibt noch Zeit, besucht sie gern Musicals in Hamburg. Filme, vor allem experimentelle, begeistern sie ebenso. Nur eins hat Anja Lorenz bis jetzt nicht geschafft: „Zu lernen, wie man 3-D-Filme animiert“. Hier sei Deutschland ‘raus, sagt sie. Aber: „Vielleicht kommt das Thema noch mal auf meinen Plan.“
Auf jeden Fall hofft sie, „dass die Internetkompetenz im Wissenschaftsbetrieb bald dafür sorgt, dass ich keine Vitas mehr schreiben muss.“