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Bereich Mathematik & Naturwissenschaften

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Ambitionen eines universitären Gebräus
Dagmar Möbius

Im Mai 2019 startete in Dresden die erste Universitätsbrauerei Deutschlands. Vier Jahre zuvor kamen zwei TUD-Professoren auf die Idee, eine Brauanlage zu kaufen. Nicht aus Langeweile – sie entwickelten ein neues Praktikumsangebot und richteten dafür ein Labor ein. Inzwischen sind zwei Biersorten auf dem Markt. Die Pandemie hat den Businessplan ins Wanken gebracht, doch das Team glaubt fest an seine Mission.

H. Goehler; Lohrmanns Doppelpack
H. Goehler; Lohrmanns Doppelpack
Wissenschaft und Handwerk leidenschaftlich zu vereinen hat sich Lohrmanns Brew auf die Fahnen geschrieben. „Wir wollten nicht einfach irgendwie das nächste Bier etablieren“, sagt Dr. Sophia Vatterodt. Die Lebensmittelchemikerin kam 2009 aus Franken zum Studium an die TU Dresden, verliebte sich in die Stadt und blieb. „Ich wollte etwas mit Chemie zu tun haben, aber die Themen sollten auch praktisch und greifbar sein“, erzählt sie. In ihrer Diplomarbeit und in ihrer Promotion beschäftigte sie sich mit Bier. Als die Professoren Jan J. Weigand (Anorganische Molekülchemie) und Thomas Henle (Lebensmittelchemie), beide gebürtige Bayern, ab 2015 ihr neues Labor mit einer Brauanlage einrichteten, war sie eine von vier beteiligten Doktorand/innen.
 

Archiv Lohrmanns Brew; Dr. Sophia Vatterodt
Archiv Lohrmanns Brew; Dr. Sophia Vatterodt
Vom Experiment zum Bier
Nach Ende des Studiums schloss sie eine zusätzliche Ausbildung als Biersommelière ab. Mit dem vertieften Branchenwissen fühlt sie sich als Geschäftsführerin der universitären Brauerei gut gewappnet: „Es ist etwas anderes, als man in der Uni hört. Ich habe das Produkt Bier besser verstehen gelernt.“ Mehr als 200 Sorten hat sie probiert und gelernt, Biere blind zu erkennen. Sie weiß, welches Getränk welche Geschichte hat, in welchen Gläsern es serviert wird, ob es kalt oder warm getrunken wird und welches Essen dazu passt. „Es geht darum, das Bier als Genussmittel in den Mittelpunkt zu rücken. Es geht nicht darum, zum Feierabend zu trinken, um zu vergessen, wie schlimm der Tag war“, lacht sie.


Gründungsstrategisches
Bei Lohrmanns Brew führt sie als einzige Vollzeitangestellte die Geschäfte gemeinsam mit Francisco Arroyo-Escobar, der für den wirtschaftlichen Part verantwortlich ist. Die initiierenden Professoren fungieren als Gesellschafter. Zudem unterstützen ein Logistik-Verantwortlicher, eine Marketing-Fachfrau sowie Studierende als Zapfkräfte. Mehrheitsgesellschafter ist die TUDAG. Das ist ungewöhnlich. Bei vergleichbaren Ausgründungen beträgt die Beteiligung selten mehr als zehn Prozent. Doch der Investitionsbedarf lag im sechsstelligen Bereich. Die TUDAG gewährte einen Kredit – zum üblichen Zinssatz. „Mit Flaschenbier macht man kaum Umsatz“, erklärt Sophia Vatterodt. Deshalb stand von Anfang an fest, dass das Unternehmen zweigleisig fahren muss. Einerseits wird Bier nach eigenen Rezepten gebraut und andererseits auf Direktausschank gesetzt.

Lokales Gebräu mit universitärem Bezug
„Wir haben von Anfang an gesagt, wir brauchen ein super Marketing und haben vier Agenturen pitchen lassen“, erzählt Sophia Vatterodt. Das aktuelle Corporate Design und der Name entstanden im kreativen Prozess mit der Dresdner Agentur Cromatics. Lohmanns Brew erweist dem Dresdner Wissenschaftler Wilhelm Gotthelf Lohrmann (1796-1840) die Ehre. Er hatte 1828 bekanntlich die Technische Bildungsanstalt, eine Vorläuferin der Technischen Universität Dresden, gegründet.

Nur aus vier Zutaten besteht ein Bier: Hefe, Hopfen, Malz und Wasser. Doch die zahlreichen möglichen Kombinationen der Produktion sorgen für ständig neue Geschmacksvarianten. Auch in Deutschlands erster universitärer Brauerei erforschen Lebensmittelchemiker, Biotechnologen und Technische Chemiker weiterhin, was ein gutes Bier braucht. Diese oder jene Hopfensorte? Kürzere oder längere Brauzeit? Schmeckt die Hefe heraus? Wann wird das Bier heller, dunkler oder bitterer? Schäumt es optimal? Und wie gesund ist es?

Archiv Lohrmanns Brew; Prof. Jan Weigand, Dr. Sophia Witte; Francisco Arroyo-Escobar und Prof. Thomas Henle (v.l.n.r.)
Archiv Lohrmanns Brew; Prof. Jan Weigand, Dr. Sophia Witte; Francisco Arroyo-Escobar und Prof. Thomas Henle (v.l.n.r.)

Vielfalt von Hopfen und Malz
„Hopfen wirkt antibakteriell und Bier enthält einige Vitamine“, fasst Sophia Vatterodt zusammen. Dennoch plädiert sie für maßvolles Trinken. Das heißt laut BzgA für Frauen nicht mehr als 0,3 Liter Bier pro Tag, für Männer das Doppelte. „Lieber ein Bier probieren und die Vielfalt erfahren“, empfiehlt die Lohrmanns-Brew-Geschäftsführerin. Seit November 2019 ist das Lohrmanns Pilsner auf dem Markt. „Ordentlich gehopft, angenehm bitter“, beschreibt die Biersommelière. Seit Juni 2020 ist zudem Lohrmanns Hell erhältlich: „Es hat weniger Hopfen, ist malzig-süßlich, ein sommerliches Bier, das Frauen schmeckt.“ In knapp 100 Verkaufsstellen in und um Dresden können die Biere mittlerweile erworben werden. Mit 1,29 Euro pro Flasche sind sie dem hochpreisigen Sortiment zuzuordnen. Rund 700 Hektoliter sollen dieses Jahr gebraut werden. „Das ist für eine Brauerei im zweiten Jahr ganz ordentlich.“ Negative Resonanz von Mitbewerbern gab es bisher nicht. „Unter Brauern hilft man sich und arbeitet zusammen.“ So pflegt das junge Unternehmen unter anderem gute Kontakte zum Ballhaus Watzke.

Vision: Brauzentrale mit Biergarten
Für die geplante Gasthausbrauerei im Kraftwerk Mitte sammelt Lohrmanns Brew derzeit Geld mit einer Crowdfunding-Kampagne. Die erste Fundingstufe mit 100.000 Euro soll am 1. November 2020 erreicht werden. Insgesamt schätzen die akademischen Brauer einen Investitionsbedarf von 1,2 Millionen Euro, bevor im Biergarten ausgeschenkt sowie Seminare und Führungen angeboten werden können. „Bier verbindet,“ meinen sie, und hoffen, Unterstützer finden zu können. Diese helfen dabei, Deutschlands erstes Uni-Bier wieder selbst brauen zu können. „In unserer eigenen Brauerei mit Biergarten wollen wir Wissenschaft und Handwerk zusammenbringen, einen Ort des Austausches schaffen und das geballte Wissen und die vielen Innovationen der Uni in die Stadt transportieren. Ein Bier mit universitärem Tiefgang eben.“ Derzeitiges Eröffnungsziel: Ende 2022.

Außer Erfolg für dieses Vorhaben wünscht sich das Team, dass bald wieder (größere) Veranstaltungen stattfinden können. „Pandemiebedingt wurde unsere Jahresplanung über den Haufen geworfen“, erzählt Dr. Sophia Vatterodt. Konkret bedeutet das auch, dass Bier nicht in Fässern ausgeschenkt werden darf und der Bedarf an Pfandflaschen steigt. Zwar können langsam wieder Events geplant werden, doch für den Flaschenmangel sind Lösungen gefragt.

Archiv Lohrmanns Brew

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