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MacGyver-Typen, die Probleme lösen
Dagmar Möbius

Das Stellenangebot für Physiker:innen ist überschaubar. Drei Alumni, die am Institut für Kern- und Teilchenphysik der TU Dresden promovierten, arbeiten jetzt für ein weltweit agierendes Unternehmen, das als Pionier der Fernarbeitstechnologie gilt. Womit sie sich bei LogMeIn beschäftigen und warum ihr Studium (dennoch) sinnvoll war, erzählten sie „Kontakt-online” – natürlich – im Videogespräch.

Screenshot: D. Möbius; Videogespräch der Redakteurin (o.l.) mit Dr. Franziska Iltzsche (o.r.), Dr. Felix Socher (u.r.) und Dr. Carsten Bittrich (u.l.).
Screenshot: D. Möbius; Videogespräch der Redakteurin (o.l.) mit Dr. Franziska Iltzsche (o.r.), Dr. Felix Socher (u.r.) und Dr. Carsten Bittrich (u.l.).
Arbeiten von überall war vor der Corona-Pandemie für viele Menschen nur ein Traum. Dass es problemlos funktioniert, dafür engagieren sich beispielsweise Dr. Franziska Iltzsche, Dr. Felix Socher und Dr. Carsten Bittrich. Ihren Weg von der Forschung in die Wirtschaft bereuen sie nicht.

Als Felix Socher im Jahr 2005 sein Physik-Studium an der TU Dresden aufnahm, hatte er 240 Kommiliton:innen. Mit Diplom beendeten etwa 60 junge Leute. Mit Franziska Iltzsche und Carsten Bittrich starteten im Jahr 2009 130 Bachelor-Studierende, etwa 60 absolvierten den Master. „Die Wechselquote ist hoch“, sagt Carsten Bittrich. Frauen sind damals wie heute in der Minderheit, etwa zehn Prozent der Alumni.

„Man muss sich als Frau viel mehr rechtfertigen“, hat Franziska Iltzsche erlebt. Dank eines tollen Lehrers in der Schule machte ihr der Unterricht viel Spaß. Sie wollte Physik studieren, „um zu verstehen, wie die Welt so funktioniert“ und in die Forschung gehen. „Physik – als Frau?“, hörte die im Spreewald Aufgewachsene oft. Über Vorurteile, Klischees und Bilder im Kopf, wer was zu machen hat, kann Franziska Iltzsche einiges erzählen. Sie findet: „Es ist noch jede Menge Akzeptanzarbeit zu leisten.“

© J. Socher; Felix Socher
© J. Socher; Felix Socher
Felix Socher besuchte die TU Dresden schon als Schüler für „Physik am Samstag“, absolvierte später ein Praktikum. Die Studienplatzwahl zwischen Medizin, Informatik und Physik entschied er zugunsten der Physik, „weil sie das größte Problemspektrum der drei Fächer bietet. Zudem hat man im Gegensatz zur Medizin meist genügend Zeit, über seine Antworten nachzudenken.“
Den gebürtigen Görlitzer Carsten Bittrich führte sein Interesse für Naturwissenschaft zunächst an die Bergakademie Freiberg. Weil seine angestrebte Vertiefungsrichtung eingestellt wurde, wechselte er nach einem Jahr an die TU Dresden.

Alle drei Alumni eint ihr zielstrebig bewältigtes Studium, gefolgt von Promotionsstudien über Aspekte des ATLAS Detectors. Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) befindet sich am europäischen Kernforschungszentrum CERN. Etwa 3000 Wissenschaftler weltweit forschen im Rahmen des ATLAS-Experimentes. Franziska Iltzsche wechselte im Juli 2018 direkt von der TU Dresden zu LogMeIn und schrieb berufsbegleitend ihre Dissertation. Die Mutter dreier Kinder wertet mit ihrem Team Audioqualitätsdaten aus und erkennt Probleme, die in anderen Gruppen behoben werden.

Felix Socher arbeitete nach seiner Promotion bei einem Dresdner Start-up als Software-Entwickler, bevor er im Mai 2019 zu LogMeIn wechselte. Hier ist er im Endpunkt-Komponenten-Team für Integration von Audiotechnologien in die App verantwortlich. „Wir sind der Kleber zwischen den spezialisierten Teams“, erklärt er und lacht: „Also die MacGyver-Typen, die Probleme lösen. Die Kunden schicken ihre Log-Dateien und wir suchen und beheben die Fehler.“ Carsten Bittrich folgte seinem Betreuer von Bachelor-, Master- und Doktorarbeit im November 2020 zu LogMeIn. „Wir haben immer Kontakt gehalten, es war eine Stelle frei und nun arbeiten wir in einer Arbeitsgruppe aus zehn Leuten.“

© privat; Franziska Iltzsche
© privat; Franziska Iltzsche
Bei LogMeIn schätzen sie die offene Atmosphäre und den Umgang mit den Mitarbeitenden. „Das ist das Verdienst der Manager, die funktionierende Teams zusammenstellen und unterstützen“, loben Franziska Iltzsche und Felix Socher unisono. Eine Kaffeebar, ein Kühlschrank mit Obst und Nervennahrung sorgen für das Wohlbefinden der Angestellten. Carsten Bittrich war seit seiner Einstellung allerdings noch nie im Büro. Er wurde in der Corona-Pandemie online eingestellt. „Ich gehöre deshalb nicht zu denen, die nach Arbeitsbeginn zunehmen, weil die Süßigkeiten zu sehr verlocken“, lacht er. Das flexible und internationale Arbeiten aus Uni-Zeiten fand er im Unternehmen wieder. „Ein super Gesamtpaket: amerikanische Firma mit den Vorteilen deutscher gesetzlicher Maßnahmen“, findet er.

Im Rückblick auf das Studium hätte er gern noch mehr über Programmieren gelernt, weil ein Quereinstieg aufwändig(er) ist. Doch er weiß, dass am Institut für Kern- und Teilchenphysik der TU Dresden entsprechende Bemühungen laufen. Dort konnte er viel Alltagserfahrung in technischen Dingen, aber auch Fähigkeiten wie Zeitplanung, Meeting- und Seminarorganisation oder Gruppenleitung sammeln. Franziska Iltzsche würdigt die generalistische Lehre an der TUD. Außer ihren Programmierkenntnissen kann sie momentan wenig konkretes Wissen aus dem Studium praktisch anwenden. Doch sie sagt: Das Studium prägt auch die Persönlichkeit, das Selbstbewusstsein und wie professionell man an Probleme herangeht. Felix Socher fasst zusammen: „Softwareentwicklung ist ein Mix aus Programmierung, Design und Domänenwissen – in unserem Fall Echtzeitkommunikation, aber auch Statistik. Teilchenphysik erfordert das Erlernen von Programmierfähigkeiten, Statistik und Hochenergiephysik, um Probleme zu lösen.“ Aus seiner Promotionszeit profitiert er vor allem von der Fähigkeit zur Selbstorganisation.

© CC-SA-NC; Carsten Bittrich
© CC-SA-NC; Carsten Bittrich
Ihren Weg in die Wirtschaft würden alle drei Physik-Alumni wieder gehen. „Teilchenphysik ist speziell, es gibt wenige Stellen“, sagt Felix Socher. Er wollte kein Nomadenleben, sondern Familie und Beruf vereinbaren. Heute findet er „Programmieren spannender“.

Franziska Iltzsche war die Forschung mit einer enormen Arbeitsbelastung von wöchentlich 60 bis 70 Stunden vorher nicht klar. Sie fühlte sich zwischen Beruf und Familie hin- und hergerissen und wusste, dass das Pensum langfristig nicht zu leisten wäre.

Bei Carsten Bittrich verschoben sich die Prioritäten mit der Geburt des ersten Kindes in seiner Promotionszeit: „Eine Chance auf einen festen Job an einem Standort ist wenig realistisch.  Auch sehr kompetente Leute finden nichts Festes. Ich möchte nicht alle zwei Jahre mit der Familie umziehen.“ Dass die Forschung zurückstecken musste, ist heute für Dr. Franziska Iltzsche, Dr. Felix Socher und Dr. Carsten Bittrich in Ordnung.


Mit der TUD sind sie weiterhin verbunden. LogMeIn kooperiert mit mehreren Lehrstühlen der Informatik, beschäftigt Werkstudent:innen, Praktikant:innen und betreut Abschlussarbeiten. Zudem arbeiten viele TUD-Alumni im Unternehmen, das weltweit mehr als 3500 Mitarbeitende hat.